giovedì 21 dicembre 2017

Früher und heute nach Roberto Bazlen

«Un tempo si nasceva vivi e a poco a poco si moriva. Ora si nasce morti – alcuni riescono a diventare a poco a poco vivi»:

"Früher einmal wurde man lebendig geboren und starb nach und nach. Heute kommen wir tot auf die Welt – manchen gelingt es, nach und nach lebendig zu werden." (Roberto Bazlen)

Roberto Bazlen war einer der Mitbegründer des Adelphi-Verlags, der in Italien die kritische Nietzsche-Ausgabe nicht nur, sondern auch Robert Walser und beklopptes Zeug wie Carl Schmitts Ex captivate salus veröffentlicht hat. 

Heute machen die Cacciaris englische Schriften.

giovedì 10 agosto 2017

Zyklopentüren, von Geisterhand

Begeistertste Knauserigkeit des Landesherrn lebt sich in den Universitäten ja freudig aus. Nur bei den neuen Behausungen des Geistes denkt der Herr an den Einbau von mächtigen, sich von selbst öffnenden Türen oder besser Toren, welche dem etwa auch zufälligen Besucher gewiss freundlich entgegenkommen wollen, ihm aber vielleicht, als Geisterbewegte, unter Umständen einen gehörigen Schrecken einjagen können, wenn sie da so wupp, aber lautlos ihm, je nach Ankommensrichtung, auch entgegenfliegen. Ein wenig zu groß sind sie schon geraten, und der Eindruck ist hier ein klein wenig der des non ti credere oder bild dir nichts ein, den wohl nicht jeder zu lieben weiß. 

Zum Ausgang erwählen wir denn auch alle die von Hand zu öffnenden Türchen, an denen "Durchgang verboten", weil Notausgang, dransteht. 

mercoledì 9 agosto 2017

Esel sein

Unser Freund Galiani hat ja bei folgendem mitgeschrieben:

ROSA Ma dimmi, arcipazzissimo, tu come insegni ad altri filosofia, se appena sai di leggere? 
TAMMARO Appunto perché sono una bestia solenne, io son filosofo. Chi fu Socrate? un asino.

Rosa: Aber sag mal, du Erzbekloppter, wie bringst du den anderen Philosophie bei, wo du kaum lesen kannst?
Tammaro: Gerade deshalb, weil ich solch ein Vieh bin, bin ich Philosoph. Wer war denn Sokrates? Ein Esel. 

Vielleicht wäre damit zu beginnen? 

Wachsein, da sein

Wachet auf, ruft uns die Stimme, und es ist ein lutheranischer Gesang. Anderwärts singt man offenbar anders und feiert etwas wie Dödeligkeit, wenig Schlaf oder Haschisch und versteht nicht, was unsereiner mit diesem dauernden Ausgeschlafensein denn anzufangen glaubt. Unter Umständen bekanntlich auch gar nichts, denn anziehend an diesem Wachtun und -leben ist ja vor allem das süße Einschlafen oder -schlummern, wenn der Mond aufgegangen. 

Vielleicht hat dieses Wachheitswünschen aber auch damit zu tun, dass unsereins etwas zu verbergen hätte? vor sich selbst? Wenn die eine Seite sehr stark ausgeleuchtet ist, liegt die andere in undurchdringlichem Dunkel. Es bleibt da nichts Graues oder Trübes, nur hell hier und nicht da da.

So syrische Studenten, um von Bekanntem zu sprechen, kommen morgens bekanntlich gern etwas verspätet und geben auf die Frage, wie es denn gehe, bedächtig eine Antwort wie: "Nur drei Stunden geschlafen", um dann in der Pause noch ein Gramm etwas draufzurauchen. So ein unsriger hat da als Kind gelernt, dass das nicht gehe, da er morgens wach in der Schule zu sitzen habe, womöglich aber eben nur, um dort nichts Trübes zu denken. 

venerdì 4 agosto 2017

Schlaf schön, Europa oder: über Spachunterricht und das, was Max Weber nicht gesehen hat

In gewissen Märchen wird das ja so erzählt: da kommt eine Hexe und durch einen Zauber schlafen alle ein, wie der berühmte Koch, der nicht mal mehr seinen Schlag zu Ende führt. Wir glauben aber nicht mehr an Märchen und wissen, dass böse Zauber nicht von einem Moment zum nächsten wirksam werden. 

Heut haben wir hier ja Dinge wie einen Europäischen Referenzrahmens, schon der Name eine Keule, im Sprachunterricht und dazu rezeptfreie Schlafmittel wie PISA. 

Wenn wir heute Sprachen lernen, und schon wollen sich die Äuglein schließen, oder? geht nämlich in Stufentests und Lehrwerken vom Start bis zum TestDaF oder DSH oder wie das Zeugs heißt, alles so, wie soll man sagen? atemberaubend einschläfernd zu, dass auch ein großer alter Kontinent langsam in sich zusammensackt und das Schnarchen beginnen möchte. 

Schüler schreiben für so was Briefe, in denen sie ihrer deutschen Freundin Gisela erklären wollen müssen, dass sie sich über ihren Besuch sehr freuen würden und dass sie doch bitte und so weiter. Oder sie dichten eine Graphikbeschreibung mit "während" und "steigt sprunghaft an". Oder sie lauschen einem Vortrag über das Waldsterben, immer wieder einmal.

Man stelle sich vor, da hätte man nicht alles, was nach Literatur klingt, als undemokratisch weggeräumt und es ginge vielleicht um Selbstmord (Werther), Verführung Minderjähriger (Faust), um Lenz (Büchner) oder um Kastration (Lenz)? Es könnte jemand aufwachen. 

So hingegen gleiten wir alle miteinond langsam in einen Traum oder Schlafzustand hinüber. Max Weber hatte die Zukunft als gemütlich unbeweglichen Zustand der Herrschaft von so etwas wie ERR oder CEFRL A1, B3, C1+ und DSH2 ja vorausgesehen, uns dabei aber wohl verschwiegen, dass wir alle in besagter Zukunft in unserm stahlharten gehäuse bald sanft dahin -oder entschlafen sein werden. 


mercoledì 2 agosto 2017

Dichter in Deutschland

Die Dichterei könnte ja im Deutschen ein wenig auch für verschwunden gehalten werden, wenn einer nicht Geburtstagsgedichte zu kaufen oder zersetzte Gedankensätze für solche zu halten wünscht. Aber wie sie so tut, so wie die Philosophie vielleicht? ist sie dann auf einmal wieder da und weiß selbst nicht, woher.

Der poetische Augenblick tut sich auf, wo es ganz nah an die deutsche Seele geht, beim Klopapier. 

"Hakle feucht" auch nicht so. "Sanft und sicher" trägt wohl alliterierend noch am Gewicht der guten alten Mütterlichkeit. "Danke" wäre auch in Kirchen zu singen. Aber "Mandelmilch" klingt schon nach orientalischen Schönheitsbädern? Kleopatra lächelt. 

Romantiker progredieren am "Zauberduft", Naturkinder erfreun sich an der "Sommerbrise", welche ins stille Örtchen leise weht. Und für alle und jedes gibt es, dies, oh "Regina", die Krönung: "Happy End". 

domenica 30 luglio 2017

Du stellst dir immer alles so vor,

so einfach und gleichsam linker Hand zu erledigen. Du denkst dann im August: ich studier, und zwar im Winter, wenn es kalt ... und was? Heruntergewohntes wie Philosophie oder Zukunftsträchtiges wie Gerontologie? 

Ganz gleich, du kommst zu spät. Du hast nämlich vergessen, dass du bis 15. Juli alles in den Büros hättest einreichen müssen, oder bis 15. Januar, für den April. 

Wer den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, will eben auch seine Freude an den Akten habe, sie nicht husch husch hinüberreichen und wegstempeln, sondern, wenn es Sommer ist, den goldenen September abwarten und etwa mit den Papieren ein wenig in der Sonne spazieren gehen, oder wenigstens, zum Winterende, den Schnee schmelzen lassen und dann den papiernen Freuden die leicht und hell ergrünende Welt zeigen, bevor diese in staubigen Archivkellern zu verschwinden haben. 

Das hat eben auch noch etwas Menschliches und Aktenfreudiges, das alles, hier bei uns. 


mercoledì 26 luglio 2017

Totenfeier

Ciemno wszędzie, głucho wszędzie,
Co to będzie, co to będzie? (Mickiewicz)

Hinten, am Rande der Barockinnenstadt für Touristen: auf dem Hügel die Häuser, im Wäldchen der Friedhof, in der Mitte also? gibt es eine Buchhandlung, so etwas früher Erträumbares, denk an die Heinrich-Heine-Buchhandlung im Bahnhof Zoo, was heute hingegen unglaublich scheint. 

Neben Celan haben die auch George, und neben Goethe auch Hans Henny Jahnn, die gelbe Ausgabe. Auf die Frage, ob das noch jemand lese, weiß der Buchhändler mit trocknem "Nee" zu antworten. 

Hier sind die Vergessenen und Verlassenen versammelt, wie zu einer kleinen Feier- oder Gedenkstunde ihrer selbst, und warten auf den Besuch der Gespenster.

lunedì 24 luglio 2017

Am frühen Sonntagmorgen sitzt du da (Deutsche Notizen 2)

Oh Mädchen,
morgens um sieben auf der Bahnsteigbank?

Alles ist falsch.
In Wind geklebt grün-graues Haar.
Die Beine ungeziert gestellt wies kam,
Klamotten schief geworfen: "ruf dich an!"

Sieh da, die grünen Kabelmasten rosten,
und grün und grau wächst seitwärts hoch, was nicht gepflanzt,
so Griff um Griff sucht es den Weg zu dir. 

Da
 sitzt du nun. 



Kleiner Gesang auf den großen Euro in Frankfurt (Deutsche Notizen 1)

Blau und gelb, so viel in einem:
Tjörg, Güllü, Stürn und Trüh.
Selbst aufzubaun.

Gelb? Blau und gold! hier so eins aus vielem:
Tallero, Pinunz, Knete und Dané.
Erleuchtet auch. 

Umstirnt von Vielheit der Nationen,
stehst du so rund. Der Euro rollt. 

Blau und gelb, so viel in einem: 
Kajuta, Knippsa, Ydby, Tundra. 
Alles für dich. 












domenica 23 luglio 2017

Wie war's?

Wenn du in dieser großen Zeit irgendwo gewesen bist, wirst du bald auch per Post gefragt, wie es gewesen sei. Du darfst dann für Sauberkeit und Geschmack und was immer einen bis fünf Sterne abgeben, was wirklich eine nette Aufmerksamkeit bezeugt. 

Könnten wir solches nicht für alles und jeden einführen? Du triffst eine Esmeralda oder einen Quasimodo und wirst am nächsten Tag gefragt: wie war's? Einen bis fünf Sterne für Langweiligkeit oder hübsches Dasitzen, das wäre doch ermunternd. 

Könnte diesen Vorschlag in irgend einem amerikanischen Tal vielleicht irgend jemand aufnehmen und etwas daraus machen? Fünf Jahre später drehen wir dann auch einen Film über diese Genialität.


sabato 22 luglio 2017

Grünstreifen

In Siemensstadt geht es zuerst durch Mehrfamilienhäuser, modern kleingeschnitten und geschachtelt. Dann kommt ein grüner Streifen, fast ein richtiger Park. Dahinter tragen die Straßen Namen wie Heidewinkel. Die Häuschen für Familien von Führungskräften sind von Gärtchen umgeben. 

Dasselbe Bild in Nürnberg-Langwasser. Häuschen hier, dann Grünstreifen, Wohnungen da. Kinder und Hundebestzer treffen sich vielleicht in der Mitte.

In Frankfurt geht das multikulturelle Getöse und Gewimmel der Armen bis zum neuen Symbol der Mainstadt, was, man stelle sich vor: Trump ließe nen Riesendollar vor der Freedom Wall oder irgendwo da in Washington aufstellen: wäre seltsam, nicht? ein wenig goetheungemäß ist. Nicht das aber ist es, was trennt, und auch nicht der Kiosk mit Bankmagazinen, sondern der schmale Grünstreifen drumrum. Hinter dem Grün beginnt die schönere Welt.

Manchmal auch unsichtbar durchziehen Trennungslinien die Städte. Von den armen Leuten zu den schönen sind es dann nur hundert Meter, gerade mal am Bahnhof, vorbei, wie in Hamburg. Kein Schnorrer verirrt sich auf die bessre Seite, scheints.

venerdì 21 luglio 2017

Leichte Sprache für alle

In ganz Europa sind seit einiger Zeit Verwaltungen gehalten, bei ihrem Auftreten in der Öffentlichkeit auch in eigens angefertigten, wie man das nennt, barrierefreien Texten zu erklären, was sie wollen. Das fände auch an Universitäten gewinnbringend Eingang, wenn sie etwa ihr Geschreib durch das für alle ersetzen würden. 

Ein zufällig gewähltes Beispiel aus einem Graduiertenprogramm:

Den deutschen Promovierenden wird als elementarer Bestandteil des Programms im zweiten Jahr (Herbst 2018) ein Studienaufenthalt an einer der amerikanischen Partneruniversitäten und die Teilnahme an deren exklusiven Graduiertenprogrammen geboten. Die Tuition fees entfallen. Das Programm umfasst keine Stipendien.

In leichter Sprache könnte das etwa lauten:

"Da sind Studenten. 
Die haben schon fünf Jahre studiert und wollen noch drei Jahre weiter studieren. 
Manche von den Studenten sind Deutsche. 
Die müssen dann im Herbst sechs Monate in Amerika studieren. 
Manche sind keine Deutschen. Was die machen? Keine Ahnung.

In Amerika studieren ist teuer. Darum ist das ganz toll. Aber unsere Studenten müssen da nichts bezahlen. Geld zum Leben bekommen sie nicht. Sie müssen schon Geld haben". 

Das ist eben erkenntniszuträglich, so ein einfaches Schreiben.

domenica 16 luglio 2017

Internationalisierung, Tellerränder

In der FAZ steht ja heute, Internationalisierung biete den Studenten die Möglichkeit, über den Tellerrand hinauszuschauen, was ja nett, aber nur aufregend ist, wenn es auf dem Teller selbst nichts zu sehen gibt. 

giovedì 13 luglio 2017

Lichtfunken, unterwegs

Wir sind ja doch vermutlich alle in unserer Jugend, also nach der erstickenden Leere des deutschen Gymnasiums, ich sage nur Borchert: das Brot, auf Benjamin hereingefallen, also nicht unbedingt auf den mittleren mit dem "Autor als Produzent" und der "Reproduzierbarkeit", das war selbst uns zu doof, aber doch auf den frühen  und den ganz späten, und deshalb kennen wir auch die kabbalistische Lehre von den zerschlagenen Gefäßen, welchen Licht entströmt sei, welches nun verstreut in Lichtfunken aufzusuchen sein könnte, oder wie war das gleich? 

Inzwischen durften wir das Entströmen des letzten Geisteslichts aus den Universitäten erleben und können uns bindungslos auf die Suche nach den Geistesfunken begeben, welche also anderwärts verstreut sind. In Liedern von Popgruppen oder in Buchhandlungen, wo auch immer. Es ist ein wenig, als dauere die Schöpfung mit ihrem Zerstörungswerk an.

mercoledì 12 luglio 2017

Nicht abschließende Zahlen

Es gibt ja, außer durch zehn oder durch zwei teilbaren Zahlen, die man sich ja doch immer in Blöcken, mindestens in Paaren denkt, ja auch mysteriös aussehende wie 3, 7, 97 oder 101, welche sich dankbar für allerlei Schauerromane oder Kinderfilme verwenden lassen. Bei beiden Gruppen hat man den Eindruck, die Zahl habe so ihre Ordnung und man könne es dabei bewenden lassen. Die Don Giovanni-Zahl 1003, eroberte Frauen in Spanien nämlich, ist völlig anders. Ich glaube, Kierkegaard hat das als erster gesehen.

1003: Es steckt kein Geheimnis dahinter: sie ist durch 17 und 59 teilbar, sie ist groß. Die Zehnerpotenz steht unverbunden neben der perfekten, wie man ja meint, drei. Also welcher Ordnung gehört sie an? Weder den Zehnerzahlen noch den Geheimniszahlen. Sie fällt einfach so dahin und der, bei Mozart, Verführer, oder was es dann sei, kann nichts als weitermachen. Die Mathematik beschäftigt sich nicht mit solchen außerordentlichen Zahlen, welche nichts abschließen und bei denen einer deshalb nicht stehen bleiben kann. Ich würde sie Lebens- oder Todeszahlen nennen, was ja dasselbe ist.

so ein Gefühl

Welcher Teufel den Lehrer da geritten haben mag, als er, nach der Lektüre eines kurzen Stücks von Bernward Vesper: Die Reise, die Studentinnen fragte, ob sie sich auch, wie der Schriftsteller, betrogen fühlten? 

Fast alle diese Zwanzigjährigen sagten ja. Vielleicht könnte von da eine Überlegung ausgehen. 

martedì 11 luglio 2017

So Geschichten

Erst hielt ich es ja für etwas Niederländisches, aber jetzt, mit den Syrern hier in Deutschland, wird die Wandlung vollständig. Diese wie jene, die ich da so getroffen habe, glauben nicht an die Evolutionstheorie und schon gar nicht an Darwin, den, wie sie sagen, Betrüger. 

Sie holen ihre Selbsterzählungen aus ihrer jeweils heiligen Schrift und sind also, denkt nur wie angenehm so ein Gedanke! sie seien direkt und selbst als solche erschaffen worden und nicht Frucht irgend so einer Entwicklung von den Mollusken zu uns. 

Auch in der Schule, sagen da viele, sollten beide Geschichten erklärt werden und das ist doch auch ein netter, dem Erzählreichtum und der Einbildungsfreude zuträglich sein wollender Vorschlag. 

Nur die Union der Akademien der Wissenschaften meckert, obwohl sie gar nicht zu sagen wüsste, warum. Die Philosophie haben sie ja weggeschafft, sich selbst erklären können diese Wissenschaftserzähler auch nicht und so steht da jetzt eine Geschichte neben der anderen und beglückt.

mercoledì 5 luglio 2017

betrogen werden

Hereingelegt zu werden erfüllt ja manchen mit einer eigenen Freude, denn wir können uns doch gewissermaßen geehrt fühlen durch solche auf uns rechnende und besondere Rücksicht nehmende Behandlung. 

Wer in Venedig eine Pizza essen will, darf eben davon ausgehen, dass er den Ort der Pizzeria mitbezahlt, und das in übertriebener Weise, was eben auch das Italienische ist, das unsereiner da  suchen möchte. 

In Deutschland hat es da auch etwas Italienisches oder Übersohrhauendes, wenn einer nämlich zum Essen Wasser trinken möchte. Solches könnte ja auch ganz lieblos aus dem Wasserhahn bezogen und in einem Krug auf den Tisch gestellt werden. Fürsorgliche Restaurantbetreiber aber bringen uns süße kleine Fläschchen mit spritzigen Namen, irgend etwas mit Brio oder Frio oder Frizz und bitten uns darum, diese Zauberhaftigkeit mit etwa dem Doppelten dessen zu entgleichen, was etwa ein Bier kosten würde. Das Banale ist eben billiger und gänzlich unbezaubernd und im Namen der Zauberhaftigkeit zahlte ich auch gern das Dreifache. 

Wertevermittlung

Es gibt ja hier mehrere Stufen der Beschulung von Flüchtlingen, die unterste heißt "Erstorientierung und Wertevermittlung" und das ist doch etwas recht Fürsorgliches, wo die dann wohl keine Werte hätten, so von sich aus, und ihnen daher Dinge wie Achtung vor Weib, Mann und Kind oder Freundschaft oder Freiheit erst einmal zu vermitteln wären. 

Es könnte allerdings auch scheinen, der von der Philosophie längst weggekehrte Wertbegriff Schelers und vielleicht noch anderer Ferkelchen sei hier durch Soziologie, wo er auch nichts Gutes geleistet hat, wie wir bei Max Weber sehen, und schließlich Psychologie, wo, na ja, in die Amtsstuben gesickert, wo er sich nun zu Hause fühle. 

Dann könnte vielleicht zu bedenken gegeben werden, dass da den Meisten etwa die Achtung vor der Frau keineswegs abginge, ganz im Gegenteil, dass sie diese aber vielleicht auf eigene Weise interpretierten, weshalb über Deutungen von Achtung zu reden sei und nicht über den "Wert" selber, womit der Kurs vielleicht "Gemeinsames Nachdenken" genannt werden könnte, wofür aber Büros nicht bezahlen mögen, so weit ich weiß. 


martedì 4 luglio 2017

Vor dem Ungeheuer

Einer der neuen Studenten aus Syrien sitzt da, spricht über sein Studium und unterbricht sich plötzlich.
"Ich habe Angst vor der Sprache!", sagt er. 

Sollte ich ihn umarmen? "Ich auch, Bruder!" 
Zu spät für mich. 

Er zittert noch ein wenig, mit einem Restchen furchtsamen Gehabes nur, denn er steckt ja auch schon drin und käme überhaupt nicht mehr raus.

sabato 1 luglio 2017

Stadt wahrnehmen (1): Die Provinz

Den Mietvertrag für das alte, etwas, nun, querfeldein renovierte Haus schließt du per Handschlag ab. Gegenüber dem Haus steht ein Schuhgeschäft, das seit achtzig Jahren da ist, und das Café gleich nebenan verkauft seit 125 Jahren Kaffee und Kuchen. Beides ist der Vollkommenheit bedenklich nahe, für unser Tal der Sünde. Die Brötchen hier sind genau noch die Brötchen, die ich als Kind jeden Morgen vor der Haustür in Tüte aufgehoben habe, keine aufgebackenen Riesenoschis von Backhaus oder -fix oder wie die heißen.

Die Universität hier ist klein. Studenten in der Stadt nicht zu sehen.

Armer Erasmus

Wenn Italiener ein Auslandssemester machen wollen, gehen sie naturgeleitet am liebsten nach Spanien, denn da gibt es Party und zweitens kann man dort, so geht jedenfalls das Gerücht, locker sieben Prüfungen in einem Monat ablegen, sofern man des Spanischen einigermaßen mächtig ist, die Lehrer dort gäben freilich Ausländerrabatt oder wie das heißen mag. Prüfungen ablegen sei in Spanien eben, so hätte das in meiner fernen Kindheit geklungen: pipileicht. 

Wenn Spanien nicht geht, reist so ein italienischer Student nach Deutschland, die Franzosen nerven mit Sprachanforderungen und das geht nicht, England ist zu teuer, und zwar möglichst nach Freiburg, ovvero: Friburgo. Auch in diesem eher geist- und gottverlassenen Kaff werden sie dann einige Verpflichtungen, weil zu Hause zu schwierig und hier ziemlich leicht, wie es heißt: ablegen und sich im Übrigen untereinander ganz außerordentlich vergnügen. 

Die Freiburger Universität ist im Wesentlichen aus einer Fakultät für Landwirtschaft mit etwa 400 Studenten herausgewachsen und nicht wegen Max Weber, der auch hier war, aber schnell wieder weg ist, sondern durch das Wirken eines bekannten Nazis und Philosophen in aller Welt bekannt geworden. Heute hat die, wie man bei uns im Norden sagt: Ferienuniversität zigtausend Studenten und das eher elende Landstädtchen wächst während des Semesters fast auf die Größe eines Bielefeld an. Eine gewaltige Masse von Studenten wälzt sich am zentralen breiten Bach entlang und durch alle Straßen fressend, saufend und singend hin und her. Wie viele davon werden Erasmus-Studenten sein? Gefühlt mindestens die Hälfte. 

Wie ein gewaltiger plappernder Heuschreckenschwarm fallen sie in die Stadt ein, treiben die Mietpreise hoch, gehen zu Starbucks, weil sie nicht wissen, was ein Kaffee ist und essen Brötchen von irgend so einer Backkette, weil das ja eh egal ist, wenn abends Festa ansteht.

Drei Jahrzehnte Erasmus und jede Stadt mit weniger als einer halben Million Einwohner ist tot. 

domenica 25 giugno 2017

Das goldene Zeitalter der vollständigen Bahnhöfe

Wenn wir irgendwo einer Zahlenreihe begegnen, denken wir traurigen Ritter zur kühnen Bewerbung naturgemäß unwillkürlich an das, was die Leute Intelligenztests nennen. Das sind nun allerdings Übungen von einem Schwierigkeitsgrad, welcher auch einem Psychologen zugänglich ist, also etwas wie 17, 1, 16, 1, 15 oder 1, 1, 2, 3, 5, 8, was ja gar bei Dan Brown vorkommt. 

Im wirklichen Leben, oder wie man das nennen soll, gibt es sehr viel anregendere Zahlenreihen, nicht nur für Intelligenzmeier vermutlich, sondern auch für einfache Wegsuchende und Dämel wie unsereinen.

Im Bahnhof Fulda habe ich 1, 6-9, 36-38 gesehen, aber kein 10-35 war da. Da haben 36. 37, 38 doch etwas Trauriges oder Anrührendes.

Der wunderlichste Bahnhof ist der von Osnabrück: es sind eigentlich zwei, welche senkrecht zueinander stehen.

Gleise 1-5 sind oben, Gleise 11-14 und dann 19 unten. Da freut sich die Einbildungskraft und beginnt mit ihrer Arbeit. Wo mögen Gleise 15-18 verblieben sein? Weggelaufen? Ganz zu schweigen von diesen sozusagen heimlich verschwundenen 6-10. Womöglich weggerutscht. Geraubt. Entflogen.

Mir nichts, dir nichts dichtelnd durchfahren wir das deutsche Land, wenn nur kein Psychologe in der Nähe ist und kein Test. Ein Bahnhof tut da vieles. Das Reich, in dem alle Gleise da wären, wäre in der Vergangenheit oder in der Zukunft zu vermuten. 





Kaputt machen, θαυμάζειν (Der neuste Mensch und ich, Teil 2)

Ein Geschenk eines Freundes meiner Eltern, der Mann arbeitete nach, wie man ja sagt, verschiedenen Ausrutschern in einer Kläranlage und nicht in einem blöden Büro wie mein Vater, war ein kleiner Elektromotor: Magnet, mit Kupferdraht bewickelte Rolle, zwei Kabel dran, fertig. 

Mit diesem hinzugekommenen Herzstück meines Metallbaukastens ließen sich Propeller bewegen, wurden Kräne lebendig, jedenfalls im Prinzip, oder das Ding surrte einfach nur so vor sich hin, so lange die Batterie reichte. 

Die Ehrfurcht vor so viel Leben in der Bude hielt mich aber, als ich einmal endlich wissen wollte, was hinter der Bewegung steckte, nicht davon ab, eines Tages die ganze Spule abzuwickeln: darunter war übrigens nichts, und den Kupferdraht, mehrere Meter! kreuz und quer durch mein Zimmer zu verspannen, etwas oberhalb meines Kopfes. Danach kam erstens meine Mutter nicht mehr ins Zimmer, was ein wenig Ärger verursachte, und hatte ich zweitens verstanden, dass das Geheimnis der Bewegung irgendwo zwischen Magnet und Drahtwickel stecken musste und nicht dahinter.

Ganz etwas Ähnliches tat ich mit einem dieser damals laut tickenden Wecker in meinem Zimmer. Darin fand ich ein ganz leichtes feines Rädchen, das sah aus, wie Rätselhaftes auszusehen hat. Den Wecker treibt die Unruhe. 

Wer was kaputt machte, lernte was; wer nicht, der nicht. 

Vor ein paar Jahren habe ich das Gehäuse eines heruntergewohnten Computers aufgemacht. Was war darin? Wieder Gehäuse, kleine Blöcke, Schächtelchen. Nur wieder Oberflächen und man guckt nicht rein, nirgends. 

Stell dir nun vor, so eine Blage von heute nähme ihr iphone auseinander. Nichts. Eine Welt aus Plättchen in Schächtelchen in Schachteln.  


sabato 24 giugno 2017

Anthropologische Änderungen

Wenn einer zufällig wirklich längere Zeit, sagen wir, auch nicht jünger wird, dann erlebt er hin und wieder etwas, was er Schlüssel- oder besser Wundermomente nennen möchte, wenn das gestattet ist. 

Genau könnte er sich dann nämlich an den Tag erinnern, als er das erste Mal so einen neuen jungen Menschen auf dem Handy mit einem flinken Daumen das hat schreiben sehen, was er selbst etwas später als SMS kennen lernen würde. 

Angesichts dieses hypermobilen neuen Daumens wäre er verblüfft gewesen, und hätte sich als Fremder gefühlt, was ja auch hin und wieder erstrebenswürdig sein könnte, wo ja nicht jeder gern irgendwo zu Hause ist. Das hat bekanntlich doch auch so seine Enge.

Nun gibt es seit einiger Zeit diese flachen alleseröffnenden Apparate namens iphone, mit einem deutungseinladenden I davor. Jetzt steht einer da vor so einem sechs- oder siebenjährigen, ich sag mal: Lümmel, und sieht wiederum staunend zu, wie dieser mit solch einem pflegebedürftigen und an Tritten sofort wegsterbenden Hochpreisgerät nicht nur hantiert, sondern auch spazieren geht oder den U-Bahn-Ausgang versperrt. 

Hätte unsereins mit sechs der sieben so etwas in die Hände bekommen, wäre es nach ein oder höchstens zwei Stunden zu Boden gefallen, wäre zerschlagen oder ertreten, oder aber, wie etwa die zarten Porzellanfigürchen meines Nazi-Großvaters, irgendwo ganz weit weg verstaut worden.

Nicht so bei denen von heute. Der neuste Mensch ist behutsam, wenn was was kostet, und trägt es schonend durch ein Alltagsleben, welches nun seinerseits etwas von dieser Behutsamkeit oder solchem Vorsichtigtun an sich haben muss. Wie sie miteinander umgehen mögen, diese neuesten?

lunedì 12 giugno 2017

"Ich lese. Und du?" ‒ in Gesellschaft eines guten Buches

Das ganz Traurige ist ja, dass die vom Fernsehen nie zur Verteidigung unserer Buchkultur Beiträge geleistet haben. Bei den Italienern von Mediaset ("Io leggo ‒ e tu?") könnte man sich da einmal eine Scheibe abschneiden. "Wenn ich ein Buch lese, mache ich die Augen zu und lasse mich in eine Traumwelt versetzen", sagt eine Fernsehmoderatorin und das überzeugt auch ganz, ganz buchferne Zuschauer.
"In der Gesellschaft eines guten Buches", könnte da in Deutschland der Dieter B. oder die Helene F. oder die Gina W. oder sonst etwas erklären, "wird mir ganz atemlos" oder "brauch ich aufm Klo keine Extrarolle mehr". Das wäre kulturell hilfreich.
Zu denken ist hier auch an eine Staffel des nagelneuen Formats "Deutschland sucht den Superschreiber" (DSSS). "Wenn einer so schreibt wie du, geht das Papier freiwillig zurück in den Wald", träume ich da. 
Wo man in Deutschland so schreiben und so auch auf der Universität studieren kann, damit das was Richtiges wird, da, da sollte das Fernsehen ein Übriges und Seiniges tun. 

sabato 10 giugno 2017

Immer zwei, entweder/oder

Schon bei Dante wird die Gegenüberstellung von heute und gestern zum System (Purg. XVI). Dass er ein drittes nicht recht bedenkt, nämlich die Zukunft, ist aus seiner Sicht verständlich. Im Jenseits gibt es keine Zukunft. Doch wenn dann Weber traditionelles Wirtschaftshandeln und modernes gegeneinander hält, könnte es sich doch fragen, warum da kein drittes auftrete. Das, was morgen käme, wäre für den Soziologen einfach Verlängerung der Gegenwart. War Tönnies da vorsichtiger? Gemeinschaft gegen Gesellschaft, immerdar? Wieder nur zwei. Und die Nazis dann haben seine Begriffe wieder aufgenommen und die Communitarians in den Neunzigern wieder. A gegen B, B gegen A. "Wenn ich dann noch traurig bin, fang ich an von vorn" (Heinz Erhardt). Es ist ein wenig so, als würden wir uns in einem Wasserglas den Kopf einrennen. 

In der Linguistik ist es genauso. Entweder ein e ist offen (ä) oder es ist geschlossen (e). Ausgeschlossen ist da jede Abstufung, wie wir sie im Sprechen natürlich haben. "Interessiert nicht", sagt der Linguist, welcher im Übrigen auch unterscheidet zwischen Parole und Langue. Welches letztere nur eine Idee der Sprachforscher ist, so ein Gedankennetz, oder aber wirklich da, nämlich mit der Kompetenz verbunden, welche der Performanz gegenübersteht. Man braucht nicht Hegel zu sein, um zu sehen, dass auch eine ganz andere Sicht dieser Dinge möglich wäre. Etwa, dass beide in gewisser Weise auch dasselbe seien, so wie Sein und Nichts. Es gibt ja keine Kompetenz ohne Material drin, das ist Performanz, und es gibt keine Performanz, die nicht zugleich immer schon auch regelsetzend oder -bekräftigend wäre. Dann ginge es weiter mit ... was?


Auf dem Fußboden, Europa

Im Dom von Siena gibt es auf dem Fußboden ein Bild von Sokrates.  Sapientia reicht ihm den Palmzweig, dem Märtyrer des Christentums. Er selbst hat ein Buch in der Hand.
Das ist natürlich alles falsch. Mit Christus hat Sokrates naturgemäß nichts zu tun. Er liest und schreibt ja auch keine Bücher. 

Er ist aber ein Buchmensch. Er lebt in Büchern und durch Bücher und im Namen eines Buches, des Buches, vollzieht sich hier der wunderbare Geschichtsraub des Rinascimento. Dies: im Buch und durchs Buch und im Namen des Buchs, ist, was Europa gewesen ist. 

Es gibt nun auch heute noch Bücher. Wie es ja auch noch die Briefpost gibt. 



giovedì 8 giugno 2017

Zwiebelland

Hatte auf Psychologin getippt. Schmales Gesicht, stumpfer Blick, rote Brille zu blonden Haaren. Ihr (geliehenes!) Buch hatte aber den Titel "Poetologische Lyrik". Zauber. Eine Schachtel- oder Zwiebelkunst wie diese! Vergleichbar mit Künsten wie richtungweisendes Wegfinden oder geschmacksbildendes Kochen. 

Sagt ja auch Valerio: Da sind wir schon wieder auf der Grenze; das ist ein Land, wie eine Zwiebel, nichts als Schaalen, oder wie ineinandergesteckte Schachteln, in der größten sind nichts als Schachteln und in der kleinsten ist gar nichts. 


Vorstellungsgespräche, universitär

Fünf Menschen sitzen da vor dir, während du über geeichte Prüfungen oder Textlinguistik schwadronierst. Drei dieser fünf verstehen kein Wort. Sie haben nämlich gar nichts mit dem zu tun, was du da können können solltest. Sie sind trotzdem zuständig in einem Sinne, welcher sich vermutlich vom Innern her erschlösse. 

Es handelt sich da etwa um eine Vertreterin des Personalrats, die sehen möchte, ja was? Ferner eine Gleichstellungsbeauftragte, wegen der Diskriminierungsmöglichkeit (aber was macht sie da?). Schließlich eine Dame von der Personalstelle, welche sachdienliche Fragen zur Persönlichkeit des Bewerbers stellt. Das sind seit geschätzten fünfzig Jahren dieselben, man hat da also auch seine Tradition, so, und studiert auch. Da fragt sichs zum Beispiel: "Sind Sie eher ein Teamarbeiter oder ein Einzelkämpfer?" oder "Was sind Ihre Schwächen?" Ich hatte aber auch schon "Welche übernatürlichen Fähigkeiten haben Sie?" weil da offenbar einer in den States studiert hatte, was ja auch sua sporca figura macht.

Natürlich sind das am Ende viel zu wenig. Erstens sollte auch Reinigungspersonal dabei sein, sonst stellen die da wieder so ein' Schweinigel ein und merkens gar nicht. Der Mensabeauftragte sollte sich schon auch nach den Gewohnheiten erkundige, ob da einer so hineinfügungswillig sei betreffs des Angebotenen. Schließlich ein Hausmeistereiabgesandter, wegen Überstundenrisiko. 

Am Ende kämen gut und gern zehn zu Tode gelangweilte Menschen zusammen. In Deutschland nennt man so etwas eine Party. 

mercoledì 7 giugno 2017

Präposition und Artikel, nordisch

Wo man auf die Frage, wo dies oder das sei, "umme Ecke" antwortet, das ist eine der Gegenden, in denen ich mich zu Hause fühle. Es gibt deren drei, aber das macht ja nichts, das ist heute so. Eher störend mag es hingegen anmuten, dass die Verschmelzung von Präposition um und Artikel die in keiner deutschen Grammatik zu finden ist. Was wunders: Institut für deutsche Sprache und alle anderen, welche mit so etwas ihr Geld verdienen, sind irgendwo zwischen Stuttgart, Mannheim und München tätig, und so ist zwar "ich bin da gestanden" zu akzeptieren und alle Deutschschüler reden heut im Perfekt, wenn was vorbei ist, aber "anne" (an der/die) gibt es nicht.

Zeit, sich zu wehren. So von Norden her.




lunedì 5 giugno 2017

Ach, nee -- ach ja. Zum Tage

Don Giovanni in der Scala, Anett Fritsch als brausende Donna Elvira, die kommt dann als Reisende, Verfolgerin auf die Bühne zurück und was hat ihre Dienerin an den Händen? Zwei Trolleys. Ach nee, haha. Don Giovanni raucht da ja auch, ach so. 

Am nächsten Tag mietet einer einen Lastwagen und fährt irgendwo in eine Menschenmenge. Ach nee?

The University of Helsinki is among the best in the world. Mit Ausrufezeichen. So so. Ach ja.  

Es ist ja doch so, dass Leute mittendrin schon oder im Jenseits erst für alles Mögliche bestraft werden, aber nicht für Langeweile. 




domenica 4 giugno 2017

Höhere Bildung

Beschädigte stellen den Geist hier. Sie laufen als krumme Wissensschatten herum. 

Von ihrer Angst sprechen sie nicht. Sie wissen nie genug, stellen nie alle Studenten zufrieden, müssten eigentlich auch mehr veröffentlichen, jedenfalls irgendwo auftreten oder vorsprechen, auch etwas organisieren, wenigstens ein Abendessen mit den Richtigen, übrigens auch etwas für irgendeine Qualitätskontrolle oder eine Implementierung tun und vielleicht hat irgendwer in der weiten Welt, die es ja doch zu geben scheint, irgend wann einmal die besseren Beziehungen und bumsti, sie sind draußen.

So schleichen sie lächelnd über die Gänge, der Jugend zur Freude. 

mercoledì 17 maggio 2017

Auf die Details ...

Ältere Politikwissenschaftler greifen jüngere an. Sie seien zu spezialisiert. Nicht sichtbar. Zu langweilig. 

So ein Vorwurf ist gemein. Erst suchen sie die Streber aus und dann meckern sie an denen herum. Sie seien Streber. 

Diese jungen Forscher wehren sich und verteidigen geregelte Methoden und nachvollziehbares Arbeiten.   

Dann erklären sie etwas, was sie die "Hilfskrücke peer review" nennen. 

Eine Krücke zur anderen: "Du Hilfskrücke!" Die weint dann. 

Sie gebrauchen Sprache, diese Streber. Da ist es wahrscheinlich besser, dass sie das meistens mit dem Englischen tun.  

martedì 9 maggio 2017

In Büros des Landes hier macht man sich Sorgen

um mich und schreibt mir etwa, ich sei nun auch nicht mehr der Jüngste und man denke in der letzten Zeit über meinen Darmausgang nach. 

Ich möge bitte, nach gründlichem Trocknen der inneren Kloschüsselplattform, mein Geschäftchen erledigen und das Gegebene oder Gefallene, heraus- und vorgenommen, einmal richtig betrachten, wie sie das nämlich tun würden, wenn sie dabei wären. Es sei, wie ich vielleicht bis dahin ignoriert hätte, von Büros wegen in Segmente aufgeteilt. 

In Segment drei meines Auswurfs oder -stoßes, keineswegs in zwei oder vier, was gänzlich verfehlt sein könne, solle ich bitte eine Probe entnehmen, dieselbe dann in einem grauen Briefumschlag ("Biologische Stoffe, Katgorie B", ein C wäre da kaum auszudenken) stecken und, ohne mir Gedanken über das Denken des Postsammlers zu machen, einsenden. 

Es sei für mein Bestes, schreiben die vom Büro für Lebensfreude oder Zukunftslust von Staatsbürgern oder was es sein mag da. 


venerdì 5 maggio 2017

Europäischer Ekel

Der Herr Greenblatt, von Beruf Ethnologe, hatte bekanntlich Schauerliches aus fernen Ländern zu berichten. Da habe so ein Forscher, schreibt er, damit zu rechnen, mitunter seine Ekelschwellen ein wenig höher setzen zu müssen, weil die auf irgendeiner fernen Insel Dinge trinken, die er eher ablassen und vergessen würde, wenn es nach ihm ginge. 

Auf solche exotikverbundenen Anforderungen braucht sich aber gar nicht einzulassen, wer nur in aller Stille einen rechten Ekel erfahren möchte. Es genügt, über die deutsche Grenze zu fahren und irgendwann zwischen September und Juni vor einem niederländischen Kurspublikum zu sitzen. 

Angekündigt könnte der Eindruck schon durch einzelne Studenten sein, welche mit Schnupfen oder einer Snotneuse, wie manche hier auch sagen, in deinem Büro sitzen und kein Taschentuch dabei haben. Bietest du ihnen eins an, lautet die Antwort dann etwa "Danke, das läuft so!" Als Kindern bringt man denen offenbar bei, dass Naseputzen in der Öffentlichkeit unschicklich sei, jedenfalls unschicklicher als Hochziehen.

Der Kurs oder was mit fünfundzwanzig verschnupften Studenten wird da leicht zu einem kleinen Konzert. 


Rätselhafte Wörter

Wörter sind mitunter schaukelhaft und verwirrend, woran man dann auch ein ganzes Leben lang seine Freude haben kann, wie an Ostwestfalen, wo man Ost oder West verschiedentlich bindet oder auflöst. Darüber hat schon ein alter Schulfeind von mir, naturgemäß unter Nennung der Gedanken anderer, alles entscheidende gesagt.

Vor anderen Wörtern steht einer mit offenem Mund davor und weiß gar nicht. Bei Leitkultur geht es mir so. Leiten ist ein Verb und bedeutet so viel wie führen. Der Direktor einer Einrichtung heißt dann aus historischen Gründen unter beiden Möglichkeiten nur Leiter. Leitkultur immerhin wäre also auch Führkultur. Aber was heißt das? 

Kultur für Führer? Leit- nicht Leiter- haben wir da. Also das ist es nicht. 

Ich führe eine Abteilung oder einen Blinden. Sie werden tun, was ich sage, und zwar zu ihrem Besten. Sie werden dahin gehen, wo ich sage. So meinen die Grimms zum Verb leiten:
immer tritt bei ihm das bestimmen einer richtung und eines zieles für einen weg hervor. 

Die Leitkultur hätte also vielleicht zu bestimmen, wo Kultur lang- und hingehe. Das tut Kultur nun nicht, sie geht eher selten im Raum umher. Leitkultur also gäbe den Leuten Richtung und Ziel. 

Kultur, könnte einer hier meckern, gebe überhaupt keine Richtung und kein Ziel an. Sie ist ja kein Punkt oder Ort, auch bildlich gesehen eher nicht. Metaphorisch wäre sie doch eher etwas, was uns umgibt oder, wenn es sein soll, womöglich durchdringt und auch mal schüttelt. 

Kurz, sie steht nicht irgendwo da wie ein Turm oder eine Keksdose und gäbe eine Richtung an. Als solch ein dastehendes Ding könnte sie allenfalls solchen erscheinen, welche sich in Kulturräten, -Kommissionen und Ministerien mit Kultur als etwas beschäftigen, was da draußen irgendwo herumliegt und darauf wartet, dass sich ein Beamter darum kümmere. 

Auf solche leitkulturellen Gedanken kommt also nur, wer so etwas wir Kultur nur aus der Ferne kennt. Aus seinem Büro.




Es gibt neue Beiträge ...

Diese Tageszeitungsgegenwart auf dem Computer bringt es mit sich, dass da alle paar Minuten so eine Mahnfrage kommt. "Es gibt was Neues. Möchten Sie das nicht sehen?"

Man könne allerdings auch, so ein weiterer Vorschlag dieser unermüdlichen Neuheitenerzeuger, die Tageszeitungsseite zur Heimatseite machen. Dann wäre man jederzeit on Top oder so. 

Es sei hier ein dritter Vorschlag erlaubt. Etwas wie ein ewiger Kalender oder wenigstens ein Almanach, Schmöcklegende will ja, dass die Leute derlei nur aus Mangel an richtigen Neuheiten gelesen hätten, könnte bei jedem Aufreißen der Seite, oder eben bei jedem Webzugang, etwas zum Nachdenken oder zum Freuen hinstellen. Frate Indovino bietet da etwas an, aber nicht fürs Web. Das würde besser gegen die Langeweile helfen als Nachrichten über Dinge wie Trump oder Klums oder Ukip oder was.

Das Denken und Freuen würde, so mein Vorschlag, nur in besonderen Fällen unterbrochen werden durch Nachrichten wie "Es fällt gerade eine riesige Bombe auf Ihre Stadt. Bringen Sie Ihre Gedanken in Ordnung!" 


Klos

Dieser Herr Zizek, aber das schreibt man nicht so, ist allerdings ein rasender Quatschkopf. Das mit den Klos hat er immerhin, nach Erica Jong, auch gesehen. In Deutschland und den Niederlanden haben wir da diese Plattformen, wo wir uns betrachten können. Anderswo kennt man diese Bespiegelungsmöglichkeit nicht. Da fällt es unter Umständen einfach in ein Loch und ist weg, ohne dass einer Abschied nehmen könnte. Die einen sind eben reflexiver, die anderen, im Süden und so, sind es weniger.

Das führt naturgemäß zu Kulturschocks. In unserem damals neu gemieteten Einfamilienhäuschen gab es nämlich plötzlich beides, das altdeutsche Klo mit Aufsichtsplattform, es war, glaube ich, ein Modell San Remo, und eine Gästetoilette mit, wie das genannt wurde, Euro-Abgang. Was ein Gast war, der hatte eben gewisse Rechte und Möglichkeiten nicht. Kuchenessen ja, Herumstinken nein. 

Vielleicht war das aber nur der Anfang und als nächstes verschwindet auch das gute altbackene Klo der Familie zugunsten so einer plitschenden platschenden Euroeinrichtung. Wie das so geht in Europa.


Die Welt

ist voller Dinge, da reißt einer die Augen auf: er könnte ja stolpern, weil er dies oder das nicht erwartet hätte. Es gebe also, steht da in der Zeitung, Kultur-Experten nicht nur, und das mag ja nett sein, denn wenn es die nicht gäbe, könnte dies Kulturelle eben, wenn so was da ist, eh man sichs versieht, doch einfach vertrocknen, verschwinden oder vom Nordwind verpustet werden, sondern auch einen deutschen Kulturrat, vermutlich auch Kulturkommissionen und Kulturminister. Das ist wie bei Gärten, möchte mir scheinen. Gärtner, Gartenrat, Gartenminister. 

Bei so viel Drum und Dran, steht ja zu hoffen, wird es das Ding selbst wohl auch geben. Aber kommt es alleine vor? Zur Zeit geht da eine Leitkultur um. Was die wohl leitet? Die Kultur? Also die andere? dieselbe? Wen? 

Ich selbst warte zur Zeit auf das Auftreten der Exzellenzkultur. Deren Fehlen dürfte sich bald schmerzhaft bemerkbar machen.




giovedì 4 maggio 2017

Der Chef macht sich Sorgen, oh!

Da schreibt der Rektor: This week I was approached by several students who were worried by a blog about feminism published last week by one of their fellow students on his personal website. Und als guter Rektor schickt er die Denunzianten zum Teufel? 

Wo es gegen Feminismus geht? Da muss er erstmal nachschauen! I read the blog and it articulates a problematic and sexist take on feminism and femininity. Wir schütteln uns. Was Verbotenes scheint der junge Mann da zwar eigentlich nicht geschrieben zu haben. Aber doch so etwas wie "Frauen könn´ nicht kochen!" oder "Tussis nerven beim Biertrinken!" oder "Ick schau nur uff die Titten!" 

Gott sei Dank sind die anderen Studenten da offenbar immun. From left to right, across lines of gender diversity, many UCR students have condemned the blog and have reached out to friends who feel threatened by this expression of sexist beliefs from within our own community. Na da wischen wir uns den Angstschweiß von der Stirn, dass es tropft. Bedrohlich wie das war. 

Vielleicht gibt es gar keine Generation Snowflake, sondern nur eine Snowflake World. Da bleibt man besser weg denn die ist klein und verdammt eng. 

Wolfgang Max Faust

Viele an- und fortregende Lehrer hat man ja im Laufe so eines Menschenlebens nicht. Es ist bekanntlich auch ein bisschen kurz, vor allem die Studienzeit.

Da gab es diese Lesung von Helga M. Novak, die eigens aus Island eingeflogen worden war, und im Vorraum schrieen Bärtige etwas von Sibirien. Wilde Zeiten, das. 

Wolfgang Max Faust stand im vollen Saal auf und fragte, ob die anwesenden Dichterinnen denn nicht Roland Barthes gelesen hätten. Was denn dieses unbedarfte Ich-Erzählen dieser zuvor drauflos politischen Menschen da zu bedeuten habe. Barthes?
Den Namen hatte ich nie gehört. Der kam in Germanistik nicht vor und in der Philosophie auch nicht. 

Im Seminar trat Faust mit weißen Blättern auf. Nur in der Mitte stand ein Gedicht. Schläft ein Lied in allen Dingen ... "Also?" 

Als vielerträumender Jungmarxianer oder was ich da war, begann ich unverzüglich über das Utopische im Gedicht zu sprechen. Faust sah mich an: "Davon steht aber nichts da." Wir sollten einfach das betrachten, was wir vor Augen hatten. Das untersuchen. 

Das war, wie ich sagen möchte, luft- und kopfbereinigend. Gewissermaßen hilfreich wie seine Hinweise es waren. Niemand als er hätte mich vom Märchen im Woyzeck, an dem ich gerade arbeitete, stracks auf Die Rede des toten Christus verwiesen.    

Wenn ich mich nicht irre, hat unser damaliger Großprofessor mehrmals versucht, diesen schwulen Vogel hinauszuwerfen. Das war vermutlich alles zu wenig leineneinbandsmäßig und verstaubungsrufend.

Faust ist dann sehr krank geworden und war bald ganz weg. 

mercoledì 3 maggio 2017

Feinheit

An der Universität Utrecht gibt es diesen Sommer einen Kurs. Excellent Learning through Teaching Excellence. Vom 11. bis zum 14. Juli. Ich selbst habe leider keine Zeit, aber feinsinnige Menschen werden so einen Kurs sicher sehr anziehend finden. So sternengleich blinkelt das in der dunklen Nacht des Weltraums, dass einem ganz striving wird davon. Jemand aus Harvard ist auch dabei.

Liberal programmieren

Wir hatten da gerade Osterferien und an der Uni gab es diesen Kurs. Also, um es kurz zu machen oder schnell zu gestehen, war die erste Programmiersprache, die ich gelernt habe, ALGOL W. Der Kurs dauerte drei Wochen und, ein bisschen Übungszeit angehängt, konnte einer das dann und lernte Ruckzuck auch Simula und schreckliche Dinge wie FORTRAN oder gar BASIC. Genau, bis heute sind mir Leute, welche i = i+1 schreiben, zutiefst zuwider. Das muss i := i +1 heißen. Kann nichts dafür, ist mein Imprinting. 

Da ich mich nicht gern auf dem Laufenden halte, denn so schreibt man das heute ja, habe ich als letzte Sprache Turbo Pascal angewendet. Das klingt nun schon nach Opel Manta und meiner Qualifizierung als Museumsstück steht jetzt wohl nichts mehr im Wege. Ja, wir haben noch Lochkarten benutzt. 

Heutige Kinder können hingegen auf die Zukunft der FDP vertrauen, denn die sind so liberal, dass sie jetzt alle ans Netz hängen und ihnen in der Grundschule Programmieren beibringen wollen. Konservativere würden ja eher meinen, man solle in der Schule lernen, was man später nicht mehr lernen wird, zum Beispiel, sagt Vittorio Alfieri, Griechisch, also das alte, und nicht Dinge, welche sich mit einem Abend- oder Monatskurs erobern oder erstürmen lassen. 

Gar keine Partei kommt offenbar in Deutschland auf den Gedanken, man könne ja einmal die ministerielle Genehmigungspflicht für Schulbücher, und damit das gesamte schauerliche Umma umma zwischen Verlagen und Staat, einfach, nun ja: abschaffen. 

Das könnte vermutlich Arbeitsplätze gefährden und Lehrer und Schüler könnten außerdem ganz durcheinander kommen, wenn da nicht alles mit mindestens fünfzehn Jahren Verspätung in die Schule drängte oder schliche oder das eine oder das ander einmal so und dann wieder so getan würde.




Fliegen

Du fliegst also. Einige Studenten, denn die gewöhnen sich ja an alles, mucksen auf oder beschweren sich. Warum, fragen sie den Rektor, haben Sie unseren Lehrer gefeuert? Der Rektor, gelernter Philosoph, antwortet mir: "You are not being fired. Your temporary contract has come to an end and we have decided not to renew it". 

Haarspaltenslustigkeit ist vermutlich etwas Akademisches und in dieser Hinsicht Philosophisches. Zugleich auch, unter Umständen, etwas rührend Erschütterndes, also vergleichbar mit dem wohligen Schmerz, so Richtung Klopstock.   

martedì 2 maggio 2017

Holland Olanda

http://caputkaputt.blogspot.nl/2017/

Hochbegabt

Psychologen denken sich offenbar, wenn die Arbeit knapp wird, immer gern mal eine neue Geistesschwierigkeit oder -behinderung aus. Zu meiner Studienzeit war das die Hochbegabung. Da fand ich dann, als mir zufällig über mich Geschriebenes in die Hände fiel, also meine Akte beim Akademischen Auslandsamt, am Rande ein handgeschriebenes "Typisch hochbegabt!" 

Ich hatte nämlich da wahrheitsgetreust erklärt, dass ich den Sportunterricht in der Schule gehasst hätte. 

So geht das mit den Anzeichen oder, wie man ja in diesen Fällen sagt, Symptomen.

Ins Kissen lächeln, alles wissen

"Wir lesen auch nicht mehr die Tagespost" (Emmy Hennings)

Jahrelang habe ich gar keine Zeitung gelesen. Entweder ich war im Ausland, da war mit einem Mal alles gleich weit weg, oder ich hatte anderes zu tun, also etwas Richtiges zu lesen.

In der Schule hatten Lehrer auf täglicher Zeitungslektüre bestanden. Es scheint da einen Zusammenhang zu geben, zwischen Schulen und Zeitungen. Sie haben beide so etwas Bindendes, Verbindendes, weil einer, wenn er dahin geht oder darin liest, auf einmal mit vielen anderen vieles gemeinsam hat. Obwohl es ja schwierig wäre, zu sagen, was das denn wäre, dieses Gemeinsame. Je eine Welt, oder ein und dieselbe? eine große, runde, schwere Welt vielleicht. 

Wenn da einer nicht hinginge oder nicht reinläse, wäre er sozusagen ganz allein, so wie ein Kind mit seinen Legosteinen. 

Auch dafür, wenn eins da spielt und nicht geht und nicht liest, haben Psychologen ja einen Namen, als für etwas Krankes. 


domenica 30 aprile 2017

Vermischen, entmischen

Am Flughafen von Eindhoven stand auf weißen Toilettenkacheln "Crucchi di merda!" War da jemand im Coffeeshop übers Ohr gehauen worden? So eine Bamba-Expedition aus Italien bringt natürlich auch ihre Gefahren mit sich. 

In unbegehrten Augenblicken werden dann Niederländer zu Deutschen, eben zu crucchi oder krauts, oder doch wenigsten zu solchen wie. 

Umgekehrt habe ich bei den helmbewehrten kugelrunden Deutschen, die hier in Zeeland so als Touristen unterwegs sind, selten derlei "solche wie"-Gefühle. Diese angeblichen Deutschen hier, das sind Leute, die ich in Deutschland nie gesehen haben würde. Vielleicht leben sie in Kellern? 

Ein türkischer Freund von mir pflegte sich auf der Kottbusser Straße immer ein wenig zu schütteln. "Was sind das für Straßenräuber hier?" fragte er angesichts der Türken dort, und erklärte dann, solche Galgenvögel gebe es in Istanbul nicht. 


Angenommen

ich äße auf dem Bahnsteig in aller Ruhe mein Brötchen auf und sprengte mich dann in die Luft. Opfer wären zu beklagen.

Auf meiner Website, fügen wir hinzu, des Titels "Little Big Horn", hätte ich zuvor etwas geschrieben, weil solche Akte, genau wie Selfies, ohne eigens dazugeschriebene Worte nicht auskommen ("Abflug! Amsterdam Bamba Yeah!"), was lauten könnte: "Heute kommt Manitus Rache! Und ich gehe in die ewigen Jagdgründe!". Dann hätten Tausende von Menschen Gelegenheit, ihrem Entsetzen oder ihrem gewaltigen Scharfsinn oder sonst was Ausdruck zu verleihen. Diese zweite Reihe oder auch Lawine von Worten ist eben das, was ein Attentat einem Selfie voraus hat. 

sabato 29 aprile 2017

Immer Recht haben

Fahrradfahrer, rein aus der täglichen Anschauung heraus, also alle zusammen, haben das, was früh im Ostdeutschen der Partei zugeträumt wurde. Sie stinken nicht, machen wenig Lärm, verbrennen keine Erdenschätze. Sie haben daher immer Recht.

Stehst du da an einem Fußgängerübergangs- oder Zebrastreifen und denkst, dass die Kraftfahrzeuge dort für dich bremsen würden, liegst du, jedenfalls im Norden Europas, vermutlich richtig. Die Regel besagt einfach: der Stärkere zeigt sich dem Schwächeren gegenüber aufmerk- oder gar behutsam. Das ist einfach, was man Anstand nennt und was, so wird erzählt, zu Zeiten Richard Lionhearts und Saladins umstandslos, Glauben hin oder her, anerkannt war. 

Heute gibt es Attentäter und Radfahrer, denn vor einiger Zeit ist uns die Moral in die Welt hineingepurzelt. Statt Regeln haben wir jetzt Grundsätze und Regelerzeugungsverfahren, bei denen dies oder das oder gar nichts herauskommt, aber jedenfalls irgendwer immer Recht hat. 

Solltest du also darauf hoffen, auf ihrem Radweg dahinschießende Fahrer würden für dich, den Fußgänger, anhalten, dann erinnere dich daran, dass hier Moral im Spiel ist, und bleib stehen.

venerdì 28 aprile 2017

Blechlawine, neue Folge

In den Niederlanden ist das Wirklichkeit geworden, was uns in den Siebzigern als Zukunft vorgezeichnet wurde. Die Natur ist beherrscht und stört nicht groß. Der gleichfalls ausgesperrte Spass an de' Freud, wie das dann ab Köln heißt, kommt gegebenenfalls durch Bier wieder rein, wenn es nur genug ist. Eindhoven sieht aus, als hätte ein Schlumpf Fritz Langs Metropolis nachgeträumt, so geordnet hochgezogen und straßen- und gleisüber- und durchschwungen ist es. 

Die hiesige Menschheit bewegt sich mit dem Rad, das ist gut fürs Herz, nach all dem Fritteusenfraß, und für die Luft. 

Da fährt einer morgens im Gegenwind los, trifft auf andere, bildet Pulks von Rädern, dringt vor in die Stadt und landet am Bahnhof, wo die umweltfreundlichen Bummelzüge Intercity heißen. Da bleibt das Rad stehen, eins von vielen, wie du einer bist, Teil einer Masse, welche recht holländisch da herumwartet. 

Wer hier etwa etwas offenbar Unpraktisches wie Schönheit ersehnte, wünschte wohl einen plötzlich aufgerissenen Erd- oder Höllenschlund herbei, welcher diese Berge und Täler von abgestellten Rädern verschlänge. Derlei kommt aber wohl seit den Zeiten der Römischen Könige nicht mehr vor. 

Nun haben wir Friedhöfe für Leichen und Krankenhäuser für Kranke, Tiefgaragen für Autos und immer etwas für alles, was andernfalls herumstehen oder -liegen würde und hässlich wäre, wenn es das täte. Was aber mit den Zweirädern? Kribbelnde krabbelnde Massen vielfarbigen Metalls vor allen Bahnhöfen. Wenn das, was da in den Niederlanden zu bestaunen wäre, unser aller Zukunft ist, dann doch lieber nicht. 

martedì 25 aprile 2017

Stalin lebt

Wenn tatsächlich, wie man ja sagt, heute alles so husch husch vorbeiginge, das einer gar nicht mehr wüsste, wo er oder sie ein klein wenig Halt finden könnte, so sehr raste und hetzte alles dahin, dann wäre es immerhin erfreulich, ab und zu das eine oder andere wiederzuerkennen. 

In den goldenen Jahren der Deutschen Demokratischen Republik soll es ja eine erzieherische Einrichtung namens Selbstkritik gegeben habe. Ein gewisses Väterchen hatte dazu nämlich, wie man in Berlin sagt, erklärt gehabt, "Ohne Selbstkritik - keine richtige Erziehung der Partei, der Klasse, der Massen - kein Bolschewismus", und das wäre ja auch traurig gewesen. 

Plenzdorff hat dieses Verfahren der Selbstveredelung durch verständige Selbsterklärungen kurz zusammengefasst: "Ich sehe ein... Ich werde in Zukunft..., verpflichte mich hiermit... und so weiter!" 

Heute muss ein Student in angelsächsischen und solche anderwärts nachahmenden Universitäten bei schwachen Leistungen, irgendwie heißt das dann F oder mehrere Ds, damit rechnen, von seiner Erziehungseinrichtung weggeschickt zu werden. Das kann einer auch abwenden, indem er einen Appeal an sein University oder College oder beides oder wie das jetzt heißt, schreibt oder einen Probation contract ausfüllt und unterschreibt, in dem er "shows that he understand what went wrong, shows that he takes responsibility for the academic failures, shows that he has a plan for future academic success." 

Der Sünder erklärt, schwache Leistungen seien ein Problem, dieselben seien seine Schuld und in Zukunft wolle er sich bessern. Das hat so etwas Stalinsches an sich, dass einem ganz vertraut zumute wird in dieser hastigen eiligen Welt. 

mercoledì 19 aprile 2017

Antwort oder Echo

Roland Barthes hat ja wohl lange versucht, die Mode zu verstehen, dann aber eingesehen, dass es ohne die Worte dazu so etwas wie Mode gar nicht gibt. 

Schickt einer Worte hinaus, wünscht er andere Worte, vielleicht Widerrede, auch das Geistergespräch über den Tod hinaus. Gleich gegen gleich. 

Sendet einer Bilder von sich aus, wartet er kaum auf Gegenbilder, eher auf Worte, die aber nicht als Antwort oder Entgegnung, nicht von gleichen ausgesprochen werden, sondern Echo sind. Anderes, An- und Aufnehmendes, Widerhall. 

Diese Fotos letztens tragen nicht einmal mehr eine Geschichte bei sich. Lagerfeld zu Claudia Schiffer: "Du gehst wie eine Bäuerin!" Heute treten noch und noch Dinge auf wie "eine Kardashian" oder eine "Tochter von Johnny Depp", Markierzeilen. Diese Abgebildeten kommen nirgendwo her. Sie sind immer schon da. Die über sie, so oder so, sprechen oder schreiben, bilden, alle zusammen, ein Echo aus diesem Nirgends, aus dem niemand kommt. 

Ohne Worte gäbe es so etwas wie Mode nicht, aber die Worte sind ein Hall nur. 

Accademia

In solch einem Dozenten- oder Professorenbüro mit Nummer, wo draufsteht, wer drinsitzt, wenn da so ein Restchen Sonne hereinscheint am späten Nachmittag, bearbeitet der Stellenhalter Fußnoten für seine bedenkenreiches Aufsätzchen übers Schreiben oder Tun anderer, welche wiederum anderes bedenken, was jedenfalls jeweils woanders steht oder geschehen ist. 

Pünktchen hier, Pünktchen da, Einschub, Absatz, Seitennummer und, hopp, noch ein Name, Vorname nachgesetzt: wie kleine frische pausbäckige Rekruten stellen sich die Angaben in einer Reihe auf. 

Der Parademarsch könnte ihm, träumt der Schreibende dann, Punkte einbringen, und die sind wie kleine Stufen einer längeren geschwungenen Treppe, die ihn ein Stockwerk höher führen könnte, dürfte oder müsste.  

Ohne Büro und Nummer, kein oben und unten, kein Aufsätzchen. Denn dass einer derlei schreibe, um einfach nur von mehr als drei Aufmerksamen gelesen zu werden, das ist doch nicht recht annehmenswürdig. 

Jede Schriftform ist ein Sitzort, möchte gesagt sein, und auf der Wiese oder in der Stube schriebe einer anderes, als an einem zustehenden oder -gewiesenen Schreibtisch. 

lunedì 17 aprile 2017

Wiederaufbau

Deutsche Städte haben ja etwas Vorhersehbares, was auf die Dauer auch launenbeeinträchtigend wirken könnte. Der Stadtkern ist nämlich stets nett hergerichtet oder, genauer gesagt, wieder herdekoriert worden, nachdem er ja in der Regel einmal gänzlich plattgebombt worden war, was doch auch seinen Grund gehabt haben dürfte. Dieses Wiederherbauen könnte nun auch eine gewisse Zukunftsunlust oder Rückwärtsneigung ausdrücken, welche einem doch auch die Freude am nächsten Morgen etwas ergrauen lässt. 

Um den Stadtkern herum führt stets eine siebenspurige Straße, welche nicht für jeden schön anzusehen ist, vor allem aber dem pfeifenden Fußgänger den Weg mit Verkehrslichtern und -zeichen ein klein wenig lang werden lässt. Er habe sich dort, möchte man ihm mitteilen, auf die wichtigeren in ihren Fahrzeugen einzustellen und jedenfalls,  als der Winzling der er ist, keine Eile zu haben. 

Anzüglichkeiten

Die jüngere der beiden Sekretärinnen, welche in dem Institut arbeiteten, wo ich auch einen Dreijahresvertrag hatte, soll nämlich eines Tages wahrheitsähnelnd bemerkt haben: "Der Herr Seiffarth, der hat ja eigentlich gar keinen Hintern!" 

Ich fand das, als es mir zugetragen wurde, aufmerkenswürdig, da ich immer den Eindruck gehabt hatte, was ich dann auch kundtat, die Damen schauten in der Höhe eher vorne auf das, was uns männliche Mitarbeiter da mehr oder weniger auszeichnete. Die ältere der beiden Vorzimmerdamen und Institutsseele lachte dann. Denn wenn eine am Schreibtisch sitze, erklärte sie, sehe sie sozusagen von selbst genau da hin. 

Schon damals waren solche Bemerkungen über Körperteile nur noch dann als lustig zu behandeln, wenn sie sich auf Männer bezogen. In Deutschland jedenfalls. In Italien hatte etwa zur selben Zeit einer noch meiner etwas großbusigen Freundin das, wie er meinte, Kompliment gemacht, sie sei sehr interessant, vor allem von vorne. Was mir als gutem Crucco sehr anzüglich, wenn nicht gar völlig unzulässig erschien. Nach zwanzig Jahren in dem Land hätte ich das nur noch als kleineren Abrutscher betrachtet.

Eine deutsche Kollegin aus dieser Zeit hatte, selbst seit langer Zeit in Mailand, aus irgend einem Ärger über Hamburger Kollegen denen stracks am Telefon erklärt, sie seien aber doch Arschlöcher. Damit war nicht einfach, wie es im Lande der Zitronenblüte gewesen wäre, dare dello stronzo a qualcuno, eine nur kurz anhaltende, wenn auch heftige Verstörung ausgedrückt, sondern jeder Kontakt abgebrochen, für immer. Denn in Hamburg, da konnte man so was nicht hinnehmen. So geht das, wenn es hin und her geht. Da wird einer lockerer, wie ihm scheint, aber andere sehen das nicht so. 

Es wäre aber doch erfreulich, möchte ich noch anmerken, wenn uns in der um- und vorgreifenden Gefühls- und Respektvorsicht doch ein wenig Luft zum Atmen bliebe.