sabato 1 aprile 2017

Alles weg!

Philosophie ist jetzt ein englischsprachiger Studiengang oder etwas für zukünftige Ethik-Lehrer an Oberschulen, Literatur weiß keiner, was das macht, und der Rest fließt so oder so in Kulturmanagement ein. Denn irgendwie muss ja Geld ins Säckel, welches sonst der Staat auffüllte. Wahlweise bliebe noch Konfliktforschung oder etwas gegen Bombenleger. 

Da schien es doch vielhererträumend, in Europa so Liberal Arts and Sciences Colleges einzurichten, wie man die schon lange da hat, wo man den Rest nicht kennt. Denn da würden die jungen Leute doch, dachte man, neben Statistik und Essay Writing auch Literatur und Philosophie ein wenig pflegen dürfen, bevor sie endlich arbeiten gingen. Nun tragen die entsprechenden Kurse in solchen Schulen werbemittelnahe Namen wie Great Literary Works I und II und das ist nun ja wohl auch nicht das, was man sich in Old Europe unter literarischen Studien vorgestellt hätte. Da legt der Verdacht doch nahe, es  gehe gar nicht um das, was die Amerikaner Humanities nennen, sondern mehr um eine, italienisch gesagt, Spolveratina culturale. Wenn wir nun etwa einen Fachmann fragten, nämlich den Dean, so nennt man das jetzt, eines solchen Colleges, namens etwa Ernie Turtle, würde der etwas antworten wie "you study Liberal Arts and Sciences not because you have not yet made up your mind about what it is that you really want to do". Das wäre ja noch schöner. "Rather, you study Liberal Arts and Sciences because scientific and societal questions in need of academic analysis and answers have become so complex, that a mono-disciplinary approach to them is hardly ever enough for generating real understanding of them". 

Sehen Sie: Literarisches, Pflege und  Ausdruck von Welten und Sichten und Träumen: das kommt hier nicht vor. Stattdessen denkt hier einer, wenn man das so sagen sich erlauben möchte, an die Komplexität der Welt, bei welchem Hinweis ich ja immer neidvollst an meine Großmutter in Handorf bei Telgte denke, welche ja offenbar noch in einer gänzlich unzusammengesetzten, eben unkomplexen Welt zu Leben die Freude hatte und deshalb nicht interdisziplinär studieren musste, sondern in ihrer westfälischen Volksschule ganz glücklich war.

Was Dr. Ernie Turtle mit "real understanding" meint, finde ich sicher auch noch heraus. Etwas wie "eigentlich", nehme ich an.




Nicht-Orte

Das kommt jetzt alles weltlächelnd daher und nagelneue Worte glänzen im Raum. Hinter der Grenze zwar hört man Finsterlinge von gestern: wir lassen sie nicht herein. Populisten! Rückwärtsträumer! An ihren Worten können wir sie kennen. 

Aber dann müssen wir das Flugzeug nehmen und uns schaudert. Ist das den nicht alles so kalt und fremd an diesen Reiseorten? - Wie jedes nicht mehr ganz frische Thema musste ein Franzose das aufgreifen und klagen: so ein Flughafen "schafft keine besondere Identität und keine besondere Relation, sondern Einsamkeit und Ähnlichkeit.“ Früher, an so einer Postkutschenstation, da ging es noch herzenswarm zu und sehr persönlich war der Handschlag. Am Flughafen aber, ach. 

Welche Flughafen mag der da gesehen haben, der, wie es heißt, Ethnologe? Milano Linate nicht, denn da fühlst du dich wie einer, der sich in einem Einfamilienhaus verläuft. Stuttgart nicht, denn zwischen luftig hochgeschwungenen Blumenstengelbeinen fühlt sich niemand einsam. Den grausigen Frankfurter vielleicht, wo du die winzigen Hinweisschilder suchen musst? Aber das vereint doch. "Wissen Sie vielleicht..?"

Amsterdam-Schiphol hat der Herr sicher auch nicht gesehen oder gemeint. Das ist wie eine Kleinstadt. Da sitzt, steht, liegt man oder kauft ein und das alles vernetzt. In der Raucherkabine zumindest findet sich noch stets Gelegenheit zu kurzen Gesprächen mit bedröhnten Fumatini aus Italien. 

Es ist nun eben so, dass, wen jemand steinalte Gemeinplätze über das moderne Leben aufwärmen möchte, er das über den Umweg der Pariser Ethnologie tun muss.