Am Flughafen von Eindhoven stand auf weißen Toilettenkacheln "Crucchi di merda!" War da jemand im Coffeeshop übers Ohr gehauen worden? So eine Bamba-Expedition aus Italien bringt natürlich auch ihre Gefahren mit sich.
In unbegehrten Augenblicken werden dann Niederländer zu Deutschen, eben zu crucchi oder krauts, oder doch wenigsten zu solchen wie.
Umgekehrt habe ich bei den helmbewehrten kugelrunden Deutschen, die hier in Zeeland so als Touristen unterwegs sind, selten derlei "solche wie"-Gefühle. Diese angeblichen Deutschen hier, das sind Leute, die ich in Deutschland nie gesehen haben würde. Vielleicht leben sie in Kellern?
Ein türkischer Freund von mir pflegte sich auf der Kottbusser Straße immer ein wenig zu schütteln. "Was sind das für Straßenräuber hier?" fragte er angesichts der Türken dort, und erklärte dann, solche Galgenvögel gebe es in Istanbul nicht.
domenica 30 aprile 2017
Angenommen
ich äße auf dem Bahnsteig in aller Ruhe mein Brötchen auf und sprengte mich dann in die Luft. Opfer wären zu beklagen.
Auf meiner Website, fügen wir hinzu, des Titels "Little Big Horn", hätte ich zuvor etwas geschrieben, weil solche Akte, genau wie Selfies, ohne eigens dazugeschriebene Worte nicht auskommen ("Abflug! Amsterdam Bamba Yeah!"), was lauten könnte: "Heute kommt Manitus Rache! Und ich gehe in die ewigen Jagdgründe!". Dann hätten Tausende von Menschen Gelegenheit, ihrem Entsetzen oder ihrem gewaltigen Scharfsinn oder sonst was Ausdruck zu verleihen. Diese zweite Reihe oder auch Lawine von Worten ist eben das, was ein Attentat einem Selfie voraus hat.
Auf meiner Website, fügen wir hinzu, des Titels "Little Big Horn", hätte ich zuvor etwas geschrieben, weil solche Akte, genau wie Selfies, ohne eigens dazugeschriebene Worte nicht auskommen ("Abflug! Amsterdam Bamba Yeah!"), was lauten könnte: "Heute kommt Manitus Rache! Und ich gehe in die ewigen Jagdgründe!". Dann hätten Tausende von Menschen Gelegenheit, ihrem Entsetzen oder ihrem gewaltigen Scharfsinn oder sonst was Ausdruck zu verleihen. Diese zweite Reihe oder auch Lawine von Worten ist eben das, was ein Attentat einem Selfie voraus hat.
sabato 29 aprile 2017
Immer Recht haben
Fahrradfahrer, rein aus der täglichen Anschauung heraus, also alle zusammen, haben das, was früh im Ostdeutschen der Partei zugeträumt wurde. Sie stinken nicht, machen wenig Lärm, verbrennen keine Erdenschätze. Sie haben daher immer Recht.
Stehst du da an einem Fußgängerübergangs- oder Zebrastreifen und denkst, dass die Kraftfahrzeuge dort für dich bremsen würden, liegst du, jedenfalls im Norden Europas, vermutlich richtig. Die Regel besagt einfach: der Stärkere zeigt sich dem Schwächeren gegenüber aufmerk- oder gar behutsam. Das ist einfach, was man Anstand nennt und was, so wird erzählt, zu Zeiten Richard Lionhearts und Saladins umstandslos, Glauben hin oder her, anerkannt war.
Heute gibt es Attentäter und Radfahrer, denn vor einiger Zeit ist uns die Moral in die Welt hineingepurzelt. Statt Regeln haben wir jetzt Grundsätze und Regelerzeugungsverfahren, bei denen dies oder das oder gar nichts herauskommt, aber jedenfalls irgendwer immer Recht hat.
Solltest du also darauf hoffen, auf ihrem Radweg dahinschießende Fahrer würden für dich, den Fußgänger, anhalten, dann erinnere dich daran, dass hier Moral im Spiel ist, und bleib stehen.
Stehst du da an einem Fußgängerübergangs- oder Zebrastreifen und denkst, dass die Kraftfahrzeuge dort für dich bremsen würden, liegst du, jedenfalls im Norden Europas, vermutlich richtig. Die Regel besagt einfach: der Stärkere zeigt sich dem Schwächeren gegenüber aufmerk- oder gar behutsam. Das ist einfach, was man Anstand nennt und was, so wird erzählt, zu Zeiten Richard Lionhearts und Saladins umstandslos, Glauben hin oder her, anerkannt war.
Heute gibt es Attentäter und Radfahrer, denn vor einiger Zeit ist uns die Moral in die Welt hineingepurzelt. Statt Regeln haben wir jetzt Grundsätze und Regelerzeugungsverfahren, bei denen dies oder das oder gar nichts herauskommt, aber jedenfalls irgendwer immer Recht hat.
Solltest du also darauf hoffen, auf ihrem Radweg dahinschießende Fahrer würden für dich, den Fußgänger, anhalten, dann erinnere dich daran, dass hier Moral im Spiel ist, und bleib stehen.
venerdì 28 aprile 2017
Blechlawine, neue Folge
In den Niederlanden ist das Wirklichkeit geworden, was uns in den Siebzigern als Zukunft vorgezeichnet wurde. Die Natur ist beherrscht und stört nicht groß. Der gleichfalls ausgesperrte Spass an de' Freud, wie das dann ab Köln heißt, kommt gegebenenfalls durch Bier wieder rein, wenn es nur genug ist. Eindhoven sieht aus, als hätte ein Schlumpf Fritz Langs Metropolis nachgeträumt, so geordnet hochgezogen und straßen- und gleisüber- und durchschwungen ist es.
Die hiesige Menschheit bewegt sich mit dem Rad, das ist gut fürs Herz, nach all dem Fritteusenfraß, und für die Luft.
Da fährt einer morgens im Gegenwind los, trifft auf andere, bildet Pulks von Rädern, dringt vor in die Stadt und landet am Bahnhof, wo die umweltfreundlichen Bummelzüge Intercity heißen. Da bleibt das Rad stehen, eins von vielen, wie du einer bist, Teil einer Masse, welche recht holländisch da herumwartet.
Wer hier etwa etwas offenbar Unpraktisches wie Schönheit ersehnte, wünschte wohl einen plötzlich aufgerissenen Erd- oder Höllenschlund herbei, welcher diese Berge und Täler von abgestellten Rädern verschlänge. Derlei kommt aber wohl seit den Zeiten der Römischen Könige nicht mehr vor.
Nun haben wir Friedhöfe für Leichen und Krankenhäuser für Kranke, Tiefgaragen für Autos und immer etwas für alles, was andernfalls herumstehen oder -liegen würde und hässlich wäre, wenn es das täte. Was aber mit den Zweirädern? Kribbelnde krabbelnde Massen vielfarbigen Metalls vor allen Bahnhöfen. Wenn das, was da in den Niederlanden zu bestaunen wäre, unser aller Zukunft ist, dann doch lieber nicht.
Die hiesige Menschheit bewegt sich mit dem Rad, das ist gut fürs Herz, nach all dem Fritteusenfraß, und für die Luft.
Da fährt einer morgens im Gegenwind los, trifft auf andere, bildet Pulks von Rädern, dringt vor in die Stadt und landet am Bahnhof, wo die umweltfreundlichen Bummelzüge Intercity heißen. Da bleibt das Rad stehen, eins von vielen, wie du einer bist, Teil einer Masse, welche recht holländisch da herumwartet.
Wer hier etwa etwas offenbar Unpraktisches wie Schönheit ersehnte, wünschte wohl einen plötzlich aufgerissenen Erd- oder Höllenschlund herbei, welcher diese Berge und Täler von abgestellten Rädern verschlänge. Derlei kommt aber wohl seit den Zeiten der Römischen Könige nicht mehr vor.
Nun haben wir Friedhöfe für Leichen und Krankenhäuser für Kranke, Tiefgaragen für Autos und immer etwas für alles, was andernfalls herumstehen oder -liegen würde und hässlich wäre, wenn es das täte. Was aber mit den Zweirädern? Kribbelnde krabbelnde Massen vielfarbigen Metalls vor allen Bahnhöfen. Wenn das, was da in den Niederlanden zu bestaunen wäre, unser aller Zukunft ist, dann doch lieber nicht.
martedì 25 aprile 2017
Stalin lebt
Wenn tatsächlich, wie man ja sagt, heute alles so husch husch vorbeiginge, das einer gar nicht mehr wüsste, wo er oder sie ein klein wenig Halt finden könnte, so sehr raste und hetzte alles dahin, dann wäre es immerhin erfreulich, ab und zu das eine oder andere wiederzuerkennen.
In den goldenen Jahren der Deutschen Demokratischen Republik soll es ja eine erzieherische Einrichtung namens Selbstkritik gegeben habe. Ein gewisses Väterchen hatte dazu nämlich, wie man in Berlin sagt, erklärt gehabt, "Ohne Selbstkritik - keine richtige Erziehung der Partei, der Klasse, der Massen - kein Bolschewismus", und das wäre ja auch traurig gewesen.
Plenzdorff hat dieses Verfahren der Selbstveredelung durch verständige Selbsterklärungen kurz zusammengefasst: "Ich sehe ein... Ich werde in Zukunft..., verpflichte mich hiermit... und so weiter!"
Heute muss ein Student in angelsächsischen und solche anderwärts nachahmenden Universitäten bei schwachen Leistungen, irgendwie heißt das dann F oder mehrere Ds, damit rechnen, von seiner Erziehungseinrichtung weggeschickt zu werden. Das kann einer auch abwenden, indem er einen Appeal an sein University oder College oder beides oder wie das jetzt heißt, schreibt oder einen Probation contract ausfüllt und unterschreibt, in dem er "shows that he understand what went wrong, shows that he takes responsibility for the academic failures, shows that he has a plan for future academic success."
Der Sünder erklärt, schwache Leistungen seien ein Problem, dieselben seien seine Schuld und in Zukunft wolle er sich bessern. Das hat so etwas Stalinsches an sich, dass einem ganz vertraut zumute wird in dieser hastigen eiligen Welt.
In den goldenen Jahren der Deutschen Demokratischen Republik soll es ja eine erzieherische Einrichtung namens Selbstkritik gegeben habe. Ein gewisses Väterchen hatte dazu nämlich, wie man in Berlin sagt, erklärt gehabt, "Ohne Selbstkritik - keine richtige Erziehung der Partei, der Klasse, der Massen - kein Bolschewismus", und das wäre ja auch traurig gewesen.
Plenzdorff hat dieses Verfahren der Selbstveredelung durch verständige Selbsterklärungen kurz zusammengefasst: "Ich sehe ein... Ich werde in Zukunft..., verpflichte mich hiermit... und so weiter!"
Heute muss ein Student in angelsächsischen und solche anderwärts nachahmenden Universitäten bei schwachen Leistungen, irgendwie heißt das dann F oder mehrere Ds, damit rechnen, von seiner Erziehungseinrichtung weggeschickt zu werden. Das kann einer auch abwenden, indem er einen Appeal an sein University oder College oder beides oder wie das jetzt heißt, schreibt oder einen Probation contract ausfüllt und unterschreibt, in dem er "shows that he understand what went wrong, shows that he takes responsibility for the academic failures, shows that he has a plan for future academic success."
Der Sünder erklärt, schwache Leistungen seien ein Problem, dieselben seien seine Schuld und in Zukunft wolle er sich bessern. Das hat so etwas Stalinsches an sich, dass einem ganz vertraut zumute wird in dieser hastigen eiligen Welt.
mercoledì 19 aprile 2017
Antwort oder Echo
Roland Barthes hat ja wohl lange versucht, die Mode zu verstehen, dann aber eingesehen, dass es ohne die Worte dazu so etwas wie Mode gar nicht gibt.
Schickt einer Worte hinaus, wünscht er andere Worte, vielleicht Widerrede, auch das Geistergespräch über den Tod hinaus. Gleich gegen gleich.
Sendet einer Bilder von sich aus, wartet er kaum auf Gegenbilder, eher auf Worte, die aber nicht als Antwort oder Entgegnung, nicht von gleichen ausgesprochen werden, sondern Echo sind. Anderes, An- und Aufnehmendes, Widerhall.
Diese Fotos letztens tragen nicht einmal mehr eine Geschichte bei sich. Lagerfeld zu Claudia Schiffer: "Du gehst wie eine Bäuerin!" Heute treten noch und noch Dinge auf wie "eine Kardashian" oder eine "Tochter von Johnny Depp", Markierzeilen. Diese Abgebildeten kommen nirgendwo her. Sie sind immer schon da. Die über sie, so oder so, sprechen oder schreiben, bilden, alle zusammen, ein Echo aus diesem Nirgends, aus dem niemand kommt.
Ohne Worte gäbe es so etwas wie Mode nicht, aber die Worte sind ein Hall nur.
Schickt einer Worte hinaus, wünscht er andere Worte, vielleicht Widerrede, auch das Geistergespräch über den Tod hinaus. Gleich gegen gleich.
Sendet einer Bilder von sich aus, wartet er kaum auf Gegenbilder, eher auf Worte, die aber nicht als Antwort oder Entgegnung, nicht von gleichen ausgesprochen werden, sondern Echo sind. Anderes, An- und Aufnehmendes, Widerhall.
Diese Fotos letztens tragen nicht einmal mehr eine Geschichte bei sich. Lagerfeld zu Claudia Schiffer: "Du gehst wie eine Bäuerin!" Heute treten noch und noch Dinge auf wie "eine Kardashian" oder eine "Tochter von Johnny Depp", Markierzeilen. Diese Abgebildeten kommen nirgendwo her. Sie sind immer schon da. Die über sie, so oder so, sprechen oder schreiben, bilden, alle zusammen, ein Echo aus diesem Nirgends, aus dem niemand kommt.
Ohne Worte gäbe es so etwas wie Mode nicht, aber die Worte sind ein Hall nur.
Accademia
In solch einem Dozenten- oder Professorenbüro mit Nummer, wo draufsteht, wer drinsitzt, wenn da so ein Restchen Sonne hereinscheint am späten Nachmittag, bearbeitet der Stellenhalter Fußnoten für seine bedenkenreiches Aufsätzchen übers Schreiben oder Tun anderer, welche wiederum anderes bedenken, was jedenfalls jeweils woanders steht oder geschehen ist.
Pünktchen hier, Pünktchen da, Einschub, Absatz, Seitennummer und, hopp, noch ein Name, Vorname nachgesetzt: wie kleine frische pausbäckige Rekruten stellen sich die Angaben in einer Reihe auf.
Der Parademarsch könnte ihm, träumt der Schreibende dann, Punkte einbringen, und die sind wie kleine Stufen einer längeren geschwungenen Treppe, die ihn ein Stockwerk höher führen könnte, dürfte oder müsste.
Ohne Büro und Nummer, kein oben und unten, kein Aufsätzchen. Denn dass einer derlei schreibe, um einfach nur von mehr als drei Aufmerksamen gelesen zu werden, das ist doch nicht recht annehmenswürdig.
Jede Schriftform ist ein Sitzort, möchte gesagt sein, und auf der Wiese oder in der Stube schriebe einer anderes, als an einem zustehenden oder -gewiesenen Schreibtisch.
Pünktchen hier, Pünktchen da, Einschub, Absatz, Seitennummer und, hopp, noch ein Name, Vorname nachgesetzt: wie kleine frische pausbäckige Rekruten stellen sich die Angaben in einer Reihe auf.
Der Parademarsch könnte ihm, träumt der Schreibende dann, Punkte einbringen, und die sind wie kleine Stufen einer längeren geschwungenen Treppe, die ihn ein Stockwerk höher führen könnte, dürfte oder müsste.
Ohne Büro und Nummer, kein oben und unten, kein Aufsätzchen. Denn dass einer derlei schreibe, um einfach nur von mehr als drei Aufmerksamen gelesen zu werden, das ist doch nicht recht annehmenswürdig.
Jede Schriftform ist ein Sitzort, möchte gesagt sein, und auf der Wiese oder in der Stube schriebe einer anderes, als an einem zustehenden oder -gewiesenen Schreibtisch.
lunedì 17 aprile 2017
Wiederaufbau
Deutsche Städte haben ja etwas Vorhersehbares, was auf die Dauer auch launenbeeinträchtigend wirken könnte. Der Stadtkern ist nämlich stets nett hergerichtet oder, genauer gesagt, wieder herdekoriert worden, nachdem er ja in der Regel einmal gänzlich plattgebombt worden war, was doch auch seinen Grund gehabt haben dürfte. Dieses Wiederherbauen könnte nun auch eine gewisse Zukunftsunlust oder Rückwärtsneigung ausdrücken, welche einem doch auch die Freude am nächsten Morgen etwas ergrauen lässt.
Um den Stadtkern herum führt stets eine siebenspurige Straße, welche nicht für jeden schön anzusehen ist, vor allem aber dem pfeifenden Fußgänger den Weg mit Verkehrslichtern und -zeichen ein klein wenig lang werden lässt. Er habe sich dort, möchte man ihm mitteilen, auf die wichtigeren in ihren Fahrzeugen einzustellen und jedenfalls, als der Winzling der er ist, keine Eile zu haben.
Um den Stadtkern herum führt stets eine siebenspurige Straße, welche nicht für jeden schön anzusehen ist, vor allem aber dem pfeifenden Fußgänger den Weg mit Verkehrslichtern und -zeichen ein klein wenig lang werden lässt. Er habe sich dort, möchte man ihm mitteilen, auf die wichtigeren in ihren Fahrzeugen einzustellen und jedenfalls, als der Winzling der er ist, keine Eile zu haben.
Anzüglichkeiten
Die jüngere der beiden Sekretärinnen, welche in dem Institut arbeiteten, wo ich auch einen Dreijahresvertrag hatte, soll nämlich eines Tages wahrheitsähnelnd bemerkt haben: "Der Herr Seiffarth, der hat ja eigentlich gar keinen Hintern!"
Ich fand das, als es mir zugetragen wurde, aufmerkenswürdig, da ich immer den Eindruck gehabt hatte, was ich dann auch kundtat, die Damen schauten in der Höhe eher vorne auf das, was uns männliche Mitarbeiter da mehr oder weniger auszeichnete. Die ältere der beiden Vorzimmerdamen und Institutsseele lachte dann. Denn wenn eine am Schreibtisch sitze, erklärte sie, sehe sie sozusagen von selbst genau da hin.
Schon damals waren solche Bemerkungen über Körperteile nur noch dann als lustig zu behandeln, wenn sie sich auf Männer bezogen. In Deutschland jedenfalls. In Italien hatte etwa zur selben Zeit einer noch meiner etwas großbusigen Freundin das, wie er meinte, Kompliment gemacht, sie sei sehr interessant, vor allem von vorne. Was mir als gutem Crucco sehr anzüglich, wenn nicht gar völlig unzulässig erschien. Nach zwanzig Jahren in dem Land hätte ich das nur noch als kleineren Abrutscher betrachtet.
Eine deutsche Kollegin aus dieser Zeit hatte, selbst seit langer Zeit in Mailand, aus irgend einem Ärger über Hamburger Kollegen denen stracks am Telefon erklärt, sie seien aber doch Arschlöcher. Damit war nicht einfach, wie es im Lande der Zitronenblüte gewesen wäre, dare dello stronzo a qualcuno, eine nur kurz anhaltende, wenn auch heftige Verstörung ausgedrückt, sondern jeder Kontakt abgebrochen, für immer. Denn in Hamburg, da konnte man so was nicht hinnehmen. So geht das, wenn es hin und her geht. Da wird einer lockerer, wie ihm scheint, aber andere sehen das nicht so.
Es wäre aber doch erfreulich, möchte ich noch anmerken, wenn uns in der um- und vorgreifenden Gefühls- und Respektvorsicht doch ein wenig Luft zum Atmen bliebe.
Ich fand das, als es mir zugetragen wurde, aufmerkenswürdig, da ich immer den Eindruck gehabt hatte, was ich dann auch kundtat, die Damen schauten in der Höhe eher vorne auf das, was uns männliche Mitarbeiter da mehr oder weniger auszeichnete. Die ältere der beiden Vorzimmerdamen und Institutsseele lachte dann. Denn wenn eine am Schreibtisch sitze, erklärte sie, sehe sie sozusagen von selbst genau da hin.
Schon damals waren solche Bemerkungen über Körperteile nur noch dann als lustig zu behandeln, wenn sie sich auf Männer bezogen. In Deutschland jedenfalls. In Italien hatte etwa zur selben Zeit einer noch meiner etwas großbusigen Freundin das, wie er meinte, Kompliment gemacht, sie sei sehr interessant, vor allem von vorne. Was mir als gutem Crucco sehr anzüglich, wenn nicht gar völlig unzulässig erschien. Nach zwanzig Jahren in dem Land hätte ich das nur noch als kleineren Abrutscher betrachtet.
Eine deutsche Kollegin aus dieser Zeit hatte, selbst seit langer Zeit in Mailand, aus irgend einem Ärger über Hamburger Kollegen denen stracks am Telefon erklärt, sie seien aber doch Arschlöcher. Damit war nicht einfach, wie es im Lande der Zitronenblüte gewesen wäre, dare dello stronzo a qualcuno, eine nur kurz anhaltende, wenn auch heftige Verstörung ausgedrückt, sondern jeder Kontakt abgebrochen, für immer. Denn in Hamburg, da konnte man so was nicht hinnehmen. So geht das, wenn es hin und her geht. Da wird einer lockerer, wie ihm scheint, aber andere sehen das nicht so.
Es wäre aber doch erfreulich, möchte ich noch anmerken, wenn uns in der um- und vorgreifenden Gefühls- und Respektvorsicht doch ein wenig Luft zum Atmen bliebe.
Berühmt werden
Wenn wir uns vorstellten, einmal bekannt zu werden, war das an das gebunden, was wir geschrieben hätten. Nach vielen Worten, Büchern wäre dann vielleicht ein Foto in der Zeitung oder sonstwo gefolgt: "Der sieht so aus", und das wäre der Ruhm gewesen.
Die heute Fotos und Filmchen hinaussenden in die Welt, verfahren also umgekehrt. Sie warten auf das Echo der anderen: Gefühl und Anerkennung oder Verehrung in fremden Worten, weil sie selbst, so ist anzunehmen, die eigenen nicht fänden oder jedenfalls die Mühe scheuten und sich deshalb auslieferten.
Natürlich hätte man auch früher so etwas wie Claudia Fischer oder Thomas Gottschalk oder Helmuth Kohl werden können, etwas wie ein Film mit Namen dran. Wenn die etwas sagten oder schrieben, kam so ein Lächeln auf.
Die heute Fotos und Filmchen hinaussenden in die Welt, verfahren also umgekehrt. Sie warten auf das Echo der anderen: Gefühl und Anerkennung oder Verehrung in fremden Worten, weil sie selbst, so ist anzunehmen, die eigenen nicht fänden oder jedenfalls die Mühe scheuten und sich deshalb auslieferten.
Natürlich hätte man auch früher so etwas wie Claudia Fischer oder Thomas Gottschalk oder Helmuth Kohl werden können, etwas wie ein Film mit Namen dran. Wenn die etwas sagten oder schrieben, kam so ein Lächeln auf.
Es steht da
Es gibt da ein Büchlein mit Kirchenbuchauszügen über die Familie meiner Mutter, in dem Familie und Hof seit 1310 bezeugt sind.
Quelle der freudigen Überraschung war nicht, was wir sind oder gewesen sind, sondern allein, dass wir da schon geschrieben stehen: "Van der Vorwerken, 3 Schweine".
Quelle der freudigen Überraschung war nicht, was wir sind oder gewesen sind, sondern allein, dass wir da schon geschrieben stehen: "Van der Vorwerken, 3 Schweine".
domenica 16 aprile 2017
Missverstehen
Wenn ich in Münster war, fuhr mein Onkel Sepp gern mit mir in die Stadt, wie es ja heißt. Dort gab es das Rathaus zu sehen, in dem zwei Drittel des Westfälischen Friedens abgeschlossen worden sind, und, oben am Turm der Lambertikirche, drei Käfige, in denen seinerzeit die toten, wie ich heute weiß, Wiedertäufer ausgehängt wurden. Nur wusste ich damals nichts von der Geschichte und verstand nur immer Wiederteufel oder Widerteufel, was mein achtjähriges Gehirn doch recht ordentlich in Gang brachte. Die ersteren wären ja schon beunruhigende Gestalten gewesen, bei letzteren war nicht klar, warum man sie hätte aufhängen sollen.
So sind Missverständnisse dem Geist eine Freude, während Sichverstehen doch oft etwas Schläfrigkeitsbewirkendes hat.
Auch fremde Sprachen können da anregend wirken. Hier, wo ich im Moment noch wohne, trägt eine Bushaltestelle, so dachte ich jedenfalls, den Namen "Ziegenarsch". Als ich verstand, dass das hiesige Ziekenhuis eigentlich ein Siechen- also Krankenhaus sei, flappte meine Einbildungskraft ganz lustlos in sich zusammen.
So sind Missverständnisse dem Geist eine Freude, während Sichverstehen doch oft etwas Schläfrigkeitsbewirkendes hat.
Auch fremde Sprachen können da anregend wirken. Hier, wo ich im Moment noch wohne, trägt eine Bushaltestelle, so dachte ich jedenfalls, den Namen "Ziegenarsch". Als ich verstand, dass das hiesige Ziekenhuis eigentlich ein Siechen- also Krankenhaus sei, flappte meine Einbildungskraft ganz lustlos in sich zusammen.
Was ich alles weiß
Jetzt im Garten fiel mir auf, dass da jemand die Rosen nicht geschnitten hatte. Ich bot mich an, das zu erledigen. Woher ich aber weiß, wie man (die bekanntesten) Rosen schneide? Nach längerem Nachdenken erst kam ich darauf. Mein Onkel Sepp hatte es mir erklärt. Da muss ich acht oder neun gewesen sein. Er nahm mich mit in seinen kleinen Rosengarten und erklärte es mir. Offenbar musste in seinen Augen ein Mann so etwas wissen. Ob er damit Recht hatte, kann ich nicht sagen. Dieser Onkel, der eigentlich ein Großonkel gewesen wäre, aber das auch nicht war, war einer dieser Männer, welche einem Jungen die Welt erklärten. Gibt es diese Hausmeister und Bauernknechte und falschen Onkel noch? Vermutlich sind sie ausgestorben und Kinder auf Schule und dergleichen angewiesen.
Ein Abweg
Das Verleitende bei diesem Fotoaustausch über Plattformen kommt vielleicht von unserem Fehler, bei einem Bild immer anzunehmen, es gebe etwas, wie man sagt, zu sehen, also etwas, worüber jeweils zu denken oder zu sprechen sei. Noch jedes blöde Selfie lebt von dieser Annahme.
Alles hängt doch letztlich am Wort oder, wie wir auch sagen könnten: worüber wir keine Worte machen könnten, das wäre nicht da.
Alles hängt doch letztlich am Wort oder, wie wir auch sagen könnten: worüber wir keine Worte machen könnten, das wäre nicht da.
Nackt sein, erscheinen
Rhetorik-Kurs. Die Studenten schlagen Free the Nipple als Gegenstand ihrer öffentlichen Debatte vor. Mir scheint das nicht so überaus aufregend. "Für Ihre Generation ist es das auch nicht", bemerkt eine, "aber für uns". Recht hat sie. Aber warum?
Unsereiner entledigte sich, wenn er vielleicht im Flughafensee oder in irgend einem Teertümpel in Westberlin baden wollte, stracks seiner Kleidung und sprang hinein. Badehose? Wozu?
Ob sich jemand an dieser Nackerei gestört hat, weiß ich nicht. Jedenfalls hat niemand etwas gesagt. Wir wären allerdings auch nicht auf den Gedanken gekommen, uns da so naturgewandet zu fotografieren und die Bilder dann Großtanten, Cousins, vergessenen Schulkameraden oder Nachbarn oder der ganzen Uni zu zeigen, und was sonst Facebooker und solche Menschen mit Friends und Followers meinen.
Der einzige, der da einmal Fotos machte, war ein dicker türkischer Herr im Mantel, welcher denn auch gleich mit der aufschlussreichen Bemerkung: "Meiner ist sowieso länger!" weggescheucht wurde.
Fotos machte man zur privaten Erinnerung. Aber eigentlich war das auch eher was für langweilige Leute. Wer wollte schon Bilder? Außer irgend einer Tussi, die plötzlich eine Spiegelreflexkamera kaufen musste, weil sie so was wie künstlerisches Fotografieren auch können wollte. Was sie dann aber bald aufgab. So einfach war das auch wieder nicht. Und begeisterte auch keinen.
Was wäre also geschehen, wenn uns plötzlich ein Dutzend I-Phones auf die Wiese geplumpst wäre? Nichts, vermute ich.
Unsereiner entledigte sich, wenn er vielleicht im Flughafensee oder in irgend einem Teertümpel in Westberlin baden wollte, stracks seiner Kleidung und sprang hinein. Badehose? Wozu?
Ob sich jemand an dieser Nackerei gestört hat, weiß ich nicht. Jedenfalls hat niemand etwas gesagt. Wir wären allerdings auch nicht auf den Gedanken gekommen, uns da so naturgewandet zu fotografieren und die Bilder dann Großtanten, Cousins, vergessenen Schulkameraden oder Nachbarn oder der ganzen Uni zu zeigen, und was sonst Facebooker und solche Menschen mit Friends und Followers meinen.
Der einzige, der da einmal Fotos machte, war ein dicker türkischer Herr im Mantel, welcher denn auch gleich mit der aufschlussreichen Bemerkung: "Meiner ist sowieso länger!" weggescheucht wurde.
Fotos machte man zur privaten Erinnerung. Aber eigentlich war das auch eher was für langweilige Leute. Wer wollte schon Bilder? Außer irgend einer Tussi, die plötzlich eine Spiegelreflexkamera kaufen musste, weil sie so was wie künstlerisches Fotografieren auch können wollte. Was sie dann aber bald aufgab. So einfach war das auch wieder nicht. Und begeisterte auch keinen.
Was wäre also geschehen, wenn uns plötzlich ein Dutzend I-Phones auf die Wiese geplumpst wäre? Nichts, vermute ich.
Keiner da
Ein Spaziergang in Heidelberg ist ja, wenn einer nicht gerade von anderen Besuchern zerdrückt oder eingestampft wird, schon deshalb erheiternd, weil es sich dort so schön auf Denkmäler und Gedächtnistafeln aller Art stößt. Bunsen und Iqbal und Max Weber, alle waren nämlich hier und daran erinnert man gern.
Ein Spaziergang in Bielefeld könnte dann, wenn es überhaupt Gründe für solch ein Tun gäbe, enttäuschend ausfallen. Denn dort stößt uns niemand mit der Nase auf die Tatsache, dass in der freundlichen Stadt am Teutoburger Wald immerhin Niklas Luhmann und Reinhard Koselleck geforscht und gelehrt haben, abgesehen von Bielefelder Historikern im Allgemeinen und Reformpädagogen und wer weiß wer noch. Die Universität ist eben nicht drin in der Stadt, sondern draußen, ein vollkommenes, in sich abgeschlossenes Städtchen für sich. Da weiß man in der Stadtmitte nich von, will auch gar nichts wissen.
Ein Spaziergang in Bielefeld könnte dann, wenn es überhaupt Gründe für solch ein Tun gäbe, enttäuschend ausfallen. Denn dort stößt uns niemand mit der Nase auf die Tatsache, dass in der freundlichen Stadt am Teutoburger Wald immerhin Niklas Luhmann und Reinhard Koselleck geforscht und gelehrt haben, abgesehen von Bielefelder Historikern im Allgemeinen und Reformpädagogen und wer weiß wer noch. Die Universität ist eben nicht drin in der Stadt, sondern draußen, ein vollkommenes, in sich abgeschlossenes Städtchen für sich. Da weiß man in der Stadtmitte nich von, will auch gar nichts wissen.
sabato 15 aprile 2017
Weniger lesen
Im Werke Friedrich Nietzsches fällt ja unter anderem mitunter eine gewisse Nachlässigkeit des klassisch gebildeten Denkers auf, denn der hat doch offenbar Bücher wie die Kritik der reinen Vernunft nicht gelesen und wir heute haben da leicht das Gefühl, so etwas sei aber nicht möglich. Wie soll, fragen wir uns dann, einer ein großer Denker werden, wenn er vorher nicht gründlich studiert hat? "Wie? Keine Denkausbildung, kein Denkdiplom?"
Ähnliches ließe sich von Kierkegaard sagen, der zwar alle deutschen Romantiker auswendig kennt und gar Grabbe zitiert, aber sonst? Hat der denn wohl den Spinoza und Kant und alles fleißig gelesen? Vermutlich nicht.
Wenn einer im Leben was zu schreiben hat, könnte man ja auch meinen, hat er keine Zeit für so etwas, wie ja auch unter Umständen auch fürs Waschen nicht, wie Arno Schmidt bemerkt.
Kurios wird es vielleicht dann, wenn sich einer als Neu- oder Alt- oder Links- oder Rechtskantianer, je nachdem, ausgibt, aber den Kant nicht kennt, wie der Max Weber. Marianne lügt hier nämlich oder fällt auf Märchen ihres Mannes herein.
Aber so ist das.
Persönlichkeit
Zu den Rätseln, welche am Sternenhimmel und in Stellenanzeigen mich zu verehrender Betrachtung treiben, zählt neuerdings das Wort Persönlichkeit, mit dem Universitätsverwaltungen beschreiben, wie sie sich ihren neuen Professor vorstellen. Das liest sich jetzt so: "Gesucht wird eine promovierte Persönlichkeit im Bereich Geodäsie". Was mögen sie nur meinen? Streber mit Charakter?
Der DUDEN erklärt dazu, Persönlichkeit habe erstens jeder, sei zweitens ein "Mensch mit ausgeprägter individueller Eigenart". Tick tuts auch. Dem Wettstreit der eigenartigen Promovierten beizuwohnen, gewährte sicher eine ganz eigene Freude.
Philosophisches
Eine Frage, welche mich hin und wieder, wenn auch nicht übermäßig, beunruhigt, ist die, warum ein moderner Staat mit seinem computergestützten Steuereinzugsverfahren und seinen Bürgersteigen und Bildungsoffensiven und Paraden so etwas finanzieren sollte, was sich Philosophieinstitut nennt.
Was wir da in den letzten fünfzig Jahren beobachten könnten, nämlich die Auflösung allen Denkens in wissenschaftliche Aufsätze, gäbe vielleicht eine Antwort auf diese Frage.
Die Philosophie ist denen Staatslenkern ein wenig gruselig oder unheimlich, weshalb man sie lieber nicht allein herumlaufen lassen möchte.
Was wir da in den letzten fünfzig Jahren beobachten könnten, nämlich die Auflösung allen Denkens in wissenschaftliche Aufsätze, gäbe vielleicht eine Antwort auf diese Frage.
Die Philosophie ist denen Staatslenkern ein wenig gruselig oder unheimlich, weshalb man sie lieber nicht allein herumlaufen lassen möchte.
Sprachbildung
Als in Berlin die Kebbabaros, welche da aber nicht so heißen, weshalb kursiv, dahinter kamen, dass sie mit viel weniger Material weitaus mehr Geld verdienen, nämlich Pizza machen und verkaufen könnten, las ich da einmal auf so einer außen aushängenden Tafel: "Tückische Pizza", was mich zugleich erfreute und beängstigte.
Mehr solcher erhellenden Sprachschöpfungen will ich von der Zukunft erhoffen und erbitten.
Mehr solcher erhellenden Sprachschöpfungen will ich von der Zukunft erhoffen und erbitten.
Schwebereligon
"Osten, Westen, z´Haus ist´s am besten", geht ein niederländisches Sprichwort, und wenn etwas die rätselhafte Schwebereligion Bettina Brentanos und Karoline Günderrodes zu bestimmen helfen könnte, wäre es der Gegensatz zu solcher Erdenkleberei. So kommt, wer herumkommt, doch am Ende hinter sich.
venerdì 14 aprile 2017
Wie der Luxus ins Land kommt
Der steht da strahlend vor dir, der Kellner, und will dir etwas bringen, was er stolz frisch gepressten Orangensaft nennt. Gut, la Spremuta, denkt ein Italiener und staunt, was es denn da zu strahlen gebe. Was er nicht weiß, weil er aus einem Land kommt, wo man in jeder Bar so etwas bekommt, sogar beim Chinesen, wie es heißt, ist, dass in Deutschland Prosecco und frisch gepresster Orangensaft zum Frühstück zu den Kennzeichen eines 4 Sterne S oder 5 Sterne-Hotels zählten, weil anderwärts alles frisch Gepresste abgeschafft worden ist, und zwar vor langer Zeit.
Schon zu Beginn der neunziger Jahre bekam einer in Cafés zum Tee kein Scheibchen Zitrone mehr, sondern Plastiktütchen, wo was drin war, was nach Zitrone schmecken sollte. Denn so eine Zitrone schneiden, das war natürlich zu viel verlangt. Das spritzt manchmal auch.
Manche freilich müssen drunten sterben. Für uns aber, solang das Geld reicht, frischen Saft.
Das mit dem Prosecco ist eine andere Geschichte. Übrigens und nebenbei hingesagt wird besagter frisch gepresster Saft ungefiltert serviert, damit der Gast, mitunter ein rechter Dödel, auch merkt, was er da trinkt und sich über so viel Luxus recht freuen tut.
Schon zu Beginn der neunziger Jahre bekam einer in Cafés zum Tee kein Scheibchen Zitrone mehr, sondern Plastiktütchen, wo was drin war, was nach Zitrone schmecken sollte. Denn so eine Zitrone schneiden, das war natürlich zu viel verlangt. Das spritzt manchmal auch.
Manche freilich müssen drunten sterben. Für uns aber, solang das Geld reicht, frischen Saft.
Das mit dem Prosecco ist eine andere Geschichte. Übrigens und nebenbei hingesagt wird besagter frisch gepresster Saft ungefiltert serviert, damit der Gast, mitunter ein rechter Dödel, auch merkt, was er da trinkt und sich über so viel Luxus recht freuen tut.
Definition eines angenehmen Landes
Ein gefälliges Land wäre eines,
dessen natürliche oder künstlerische Schönheiten uns erlaubten,
die Eigenart seiner Bewohner zu vergessen.
Italien ist, so gesehen, perfekt. Wer
denkt im Dom von Siena schon an die kurzbeinigen lauten Landesherren?
Ähnlich die Schweiz, sofern nicht
gerade eine fröhliche Skifahrergruppe in der Nähe sitzt.
Die Niederlande haben da in jeder
Hinsicht einen schlechten Stand.
Kerriesaus, Mayonnaise oder Ketchup?
Die Barbarei eines Landes ließe sich
zur Wahrscheinlichkeit in Beziehung setzen, am Bahnhof nur belegte
Brötchen mit irgendeinen Schmier drauf zu bekommen.
"Rioja"-Rufer
Dieser junge Leiter so eines
Kulturinstituts bestellte jedesmal, wenn er mit mir was trinken ging,
siegesgewiss einen Chianti, da das offenbar das Schickste war, was so
ein Wiener in Italien sich vorstellen konnte.
Das wäre an sich auch gar nicht
bemerkenswert, wenn sich nicht die europaweite Überflutung mit roten
Weinen namens Barolo oder Rioja solchen weitgereisten Leuten
verdankte, welche weltensicher gern einmal etwas ausrufen wie „Ach,
ein Rioja!“ Sie haben keine Ahnung und der Markt öffnet seine Tore weit, weil sie so viele sind.
mercoledì 12 aprile 2017
Inklusion
Der Berufsläufer Herbert Steffny hat das einmal vorgerechnet, ich weiß gar nicht mehr, wo, aber das scheint mir aufschlussgebend genug, um es einfach einmal nachzuerfinden.
In den Siebzigern, so ähnlich schrieb der da, liefen in Westdeutschland 1000 Menschen Marathon, von denen damals vielleicht 150 weniger als drei Stunden dafür brauchten, also recht flott daher kamen für so Freizeitläufer.
Dreißig Jahre später liefen 100000 die Distanz von 42 Kilometern und 195 Metern. Von denen kamen aber nur noch hundertzehn unter die Dreistundenmarke.
Wenn nämlich alle laufen, so die Regel? werden auch die schnellsten langsamer. Diese geheimnisvolle Wirkung lässt sich auch in den Universitäten verfolgen. Erklärt hat sie, glaube ich, bislang niemand. Das ist die Exzellenz, wie das jetzt heißt.
In den Siebzigern, so ähnlich schrieb der da, liefen in Westdeutschland 1000 Menschen Marathon, von denen damals vielleicht 150 weniger als drei Stunden dafür brauchten, also recht flott daher kamen für so Freizeitläufer.
Dreißig Jahre später liefen 100000 die Distanz von 42 Kilometern und 195 Metern. Von denen kamen aber nur noch hundertzehn unter die Dreistundenmarke.
Wenn nämlich alle laufen, so die Regel? werden auch die schnellsten langsamer. Diese geheimnisvolle Wirkung lässt sich auch in den Universitäten verfolgen. Erklärt hat sie, glaube ich, bislang niemand. Das ist die Exzellenz, wie das jetzt heißt.
martedì 11 aprile 2017
Eine neue exzellente Hochschule
Da es mit mir ja nun nichts mehr wird, gedenke ich, lila der letzte Versuch, etwas Exzellentes zu gründen. Liegt immer noch im Trend, oder?
Als erstes muss da, wenn wo was Exzellentes drin sein soll, auch "exzellent" draufstehen. Kostet ja übrigens nichts.
Diese Universität oder dieses College oder was das sein könnte, hätte ein längeres Aufnahme- oder Ausleseverfahren. Schriftliche Bewerbungen werden von einer Lehrergruppe gelesen und weitergereicht. Steht da etwas Seltsames? Ist das Anschreiben nur halb ausgedruckt? Gib es einem Kollegen: der übernimmt das dann, das Weitergeben. Stufe zwei: Auswahlgespräche, noch sind alle dabei, führen zum Ausschluss von Betrunkenen oder so Kopf- oder Augenrollern. Immer noch sind fast alle dabei. Doch diejenigen, welche jetzt einen Brief bekommen: "Wir freuen uns, Ihnen einen Platz bei uns anbieten zu können...", ja die werden sich, wie Psychologen das nennen, gebauchpinselt fühlen und voll Freude solch einen schwer zu ergatternden Platz einnehmen. Hoffen wir, dass Ausländer dabei sind. Internationale Exzellenzuniversität. Einfach besser. Auch fürs Ranking.
Ein Teil der Lehrkräfte hätte Veröffentlichungen aufzuweisen. Das hilft beim Ranking. Nicht alle, denn solche mit zu viel Titeln haben so ihre übertriebenen finanziellen Ansprüche.
Die Studenten, schon überzeugt, ganz ausgesucht zu sein, sind einer modernen Deadlines and Requirements-Prozedur auszusetzen, bei denen ihnen Hören und Sehen vergeht. Was sie da im Einzelnen vierzehntäglich oder wöchentlich so schreiben oder reden, ist da schon weniger belangreich. Wichtig ist der gefühlte Stress.
Die Noten unserer Spitzenuni dürfen nicht allzu hässlich ausfallen. Aber das ist schnell geregelt: sagen wir, ab 85% richtiger Antworten bekomme einer ein A+, wie wir das jetzt nennen wollen.
Exzellenz steht drauf, von Auswahl war die Rede, etwas Stress und ein paar Namen waren auch dabei. Nun gehen die Studis mit prima Noten hinaus in die Welt. Sind die zufrieden? Na klar. Und sie schreiben das auch, wenn sie gefragt werden. Gut fürs Ranking.
So ist das. Ist ja eigentlich auch egal. Ich will es nur gern einmal selber versuchen.
Als erstes muss da, wenn wo was Exzellentes drin sein soll, auch "exzellent" draufstehen. Kostet ja übrigens nichts.
Diese Universität oder dieses College oder was das sein könnte, hätte ein längeres Aufnahme- oder Ausleseverfahren. Schriftliche Bewerbungen werden von einer Lehrergruppe gelesen und weitergereicht. Steht da etwas Seltsames? Ist das Anschreiben nur halb ausgedruckt? Gib es einem Kollegen: der übernimmt das dann, das Weitergeben. Stufe zwei: Auswahlgespräche, noch sind alle dabei, führen zum Ausschluss von Betrunkenen oder so Kopf- oder Augenrollern. Immer noch sind fast alle dabei. Doch diejenigen, welche jetzt einen Brief bekommen: "Wir freuen uns, Ihnen einen Platz bei uns anbieten zu können...", ja die werden sich, wie Psychologen das nennen, gebauchpinselt fühlen und voll Freude solch einen schwer zu ergatternden Platz einnehmen. Hoffen wir, dass Ausländer dabei sind. Internationale Exzellenzuniversität. Einfach besser. Auch fürs Ranking.
Ein Teil der Lehrkräfte hätte Veröffentlichungen aufzuweisen. Das hilft beim Ranking. Nicht alle, denn solche mit zu viel Titeln haben so ihre übertriebenen finanziellen Ansprüche.
Die Studenten, schon überzeugt, ganz ausgesucht zu sein, sind einer modernen Deadlines and Requirements-Prozedur auszusetzen, bei denen ihnen Hören und Sehen vergeht. Was sie da im Einzelnen vierzehntäglich oder wöchentlich so schreiben oder reden, ist da schon weniger belangreich. Wichtig ist der gefühlte Stress.
Die Noten unserer Spitzenuni dürfen nicht allzu hässlich ausfallen. Aber das ist schnell geregelt: sagen wir, ab 85% richtiger Antworten bekomme einer ein A+, wie wir das jetzt nennen wollen.
Exzellenz steht drauf, von Auswahl war die Rede, etwas Stress und ein paar Namen waren auch dabei. Nun gehen die Studis mit prima Noten hinaus in die Welt. Sind die zufrieden? Na klar. Und sie schreiben das auch, wenn sie gefragt werden. Gut fürs Ranking.
So ist das. Ist ja eigentlich auch egal. Ich will es nur gern einmal selber versuchen.
In Ruhe gelassen werden
Als wir klein waren, interessierte sich keiner für uns. Wir waren einfach zu viele. So zog ich nachmittags unbeaufsichtigt ums Haus, ließ mir von einem Hausmeister die Welt und die Gärtnerei erklären oder stand mit anderen mehr oder weniger meines Alters vor dem Baggerloch, wo wir uns fragten, wie das geheimnisvolle Floß mitten auf den See gekommen sei.
In Ruhe durch die Welt zu ziehen ist mir daher immer einleuchtend erschienen, so als Lehrer oder etwas. Mit den hundert oder zweihundert Menschen, mit denen einer es da zu tun hat, muss er schließlich allein zurecht kommen. Andere haben dazu naturgemäß eher wenig zu sagen.
Einmal habe ich dann aber in einer kommunalen Abendschule gearbeitet, wo die Direktorin wöchentliche Treffen ansetzte, bei denen jeder Lehrer sagen musste, wie gut es in seinen Klassen denn aussähe. Die andern, Sitzengebliebene und vom Leben Ausgelassene jeder Größe, nickten jeweils dazu und lächelten so. Das war aber nur ein kleiner Ausblick in die Zukunft.
Heute in so einem Exzellenzinstitut wird nämlich einem jeden grenzenlose Begeistertheit abgefordert. Treffen nach den Ferien, wo jeder von seiner Forschung erzählt, Applaus, Blumen für solche, die einen Extraexzellenzkurs abgeschlossen haben, Applaus, visionäre Vorträge, Applaus again. Vermutlich alles etwas Amerikanisches oder Bayerisches, ich hab das nicht so recht raus.
In Ruhe durch die Welt zu ziehen ist mir daher immer einleuchtend erschienen, so als Lehrer oder etwas. Mit den hundert oder zweihundert Menschen, mit denen einer es da zu tun hat, muss er schließlich allein zurecht kommen. Andere haben dazu naturgemäß eher wenig zu sagen.
Einmal habe ich dann aber in einer kommunalen Abendschule gearbeitet, wo die Direktorin wöchentliche Treffen ansetzte, bei denen jeder Lehrer sagen musste, wie gut es in seinen Klassen denn aussähe. Die andern, Sitzengebliebene und vom Leben Ausgelassene jeder Größe, nickten jeweils dazu und lächelten so. Das war aber nur ein kleiner Ausblick in die Zukunft.
Heute in so einem Exzellenzinstitut wird nämlich einem jeden grenzenlose Begeistertheit abgefordert. Treffen nach den Ferien, wo jeder von seiner Forschung erzählt, Applaus, Blumen für solche, die einen Extraexzellenzkurs abgeschlossen haben, Applaus, visionäre Vorträge, Applaus again. Vermutlich alles etwas Amerikanisches oder Bayerisches, ich hab das nicht so recht raus.
venerdì 7 aprile 2017
Die neue Freiheit
In einer wohlgeliebten und menschenliebenden Stadt sich auf den Marktplatz stellen, im Hemd mit der Aufschrift "Donald ist toll" oder "Klimawandel gibt es nicht, my Darling", sich dann von vielen gutmeinenden Fäusten niederschlagen lassen und noch im Vergehen hören, wie Geschäftsleute, Lehrer in Ferien, Veganerinnen und Universitätsrektoren, wie sie alle zusammen ein Lied auf die Freiheit anstimmten, das wäre eine eigene Lust.
domenica 2 aprile 2017
Professor in der U-Bahn
Dieser französische Ethnologe hat auch ein Buch über U-Bahnen geschrieben. Da schreibt er naturgemäß erstens viele langweilige Extrasätze über den Anderen oder die anderen. Zweitens kennt er nur die Pariser U-Bahn. Dabei könnte, wer an die Londoner oder Berliner oder Mailänder denkt, schnell einmal zum Schluss kommen, das da in Paris sei gar etwas anderes.
Die fahren ja zum Teil auf Gummirädern und man hört nichts. Die gaffen da einen jeden, der nicht so recht gallisch daher kommt, unter Umständen sichtbarlich an und denken sich nichts. Das soll eine U-Bahn sein? Wenn von U-Bahn die Rede ist, möchte einer ignoriert sein und Anfänger vom Lande daran erkennen, dass sie so gucken. Womöglich bleiben solche, wie wir wissen, noch am Eingang und Ausgang stehen und einer, der raus will, muss Schreien oder Schulterklopfen oder andere ländliche Dinge tun. Aber das ist Nebensache.
In London oder Berlin in Unterhosen U-Bahn zu fahren könnte herb enttäuschend sein, weil die anderen einen auch einfach übersehen oder gar nicht beachten könnten. Man sollte sich da keine Mühe geben und an anderes denken. Auch jedem Attentäter sei das gesagt. Die U-Bahn fährt am nächsten Tag einfach weiter und da hat sich's was mit Memorial Days und was die sonst noch beanspruchen oder erträumen, diese Bombenleger oder Medienfritzen. Davon weiß unser Franzose natürlich nichts.
Da er ein Professor ist, beschleunigt er höchstens einmal seinen gleichmäßigen Schritt, wenn er nämlich sonst zu spät in die Uni kommen könnte. So einer sieht nichts. Er ist nämlich nicht als ein Stadtwesen unterwegs, welches auch einmal gewisse Begegnungen zu vermeiden sucht. Stadtwesen sind vielleicht in irgendwem unstattlich scheinender Begleitung unterwegs oder waren an dem und dem unstatthaft scheinenden Orten oder haben etwas, was nicht jedem gefällt. Dann können sie, wie meinerzeit, in Berlin den schnuckeligen Viktoria-Luise-Bahnhof vermeiden, da gab es nämlich auch mal Schläge, oder die grüne oder die gelbe Linie in Mailand umgehen, je nachdem. Denn in diesem gleichförmig anzusehenden unterirdischen Strömen von Menschen regieren Gesetze. Ein Professor, der sich da beschaulich seinen Erinnerungen hingebt, wird das nie verstehen.
Die fahren ja zum Teil auf Gummirädern und man hört nichts. Die gaffen da einen jeden, der nicht so recht gallisch daher kommt, unter Umständen sichtbarlich an und denken sich nichts. Das soll eine U-Bahn sein? Wenn von U-Bahn die Rede ist, möchte einer ignoriert sein und Anfänger vom Lande daran erkennen, dass sie so gucken. Womöglich bleiben solche, wie wir wissen, noch am Eingang und Ausgang stehen und einer, der raus will, muss Schreien oder Schulterklopfen oder andere ländliche Dinge tun. Aber das ist Nebensache.
In London oder Berlin in Unterhosen U-Bahn zu fahren könnte herb enttäuschend sein, weil die anderen einen auch einfach übersehen oder gar nicht beachten könnten. Man sollte sich da keine Mühe geben und an anderes denken. Auch jedem Attentäter sei das gesagt. Die U-Bahn fährt am nächsten Tag einfach weiter und da hat sich's was mit Memorial Days und was die sonst noch beanspruchen oder erträumen, diese Bombenleger oder Medienfritzen. Davon weiß unser Franzose natürlich nichts.
Da er ein Professor ist, beschleunigt er höchstens einmal seinen gleichmäßigen Schritt, wenn er nämlich sonst zu spät in die Uni kommen könnte. So einer sieht nichts. Er ist nämlich nicht als ein Stadtwesen unterwegs, welches auch einmal gewisse Begegnungen zu vermeiden sucht. Stadtwesen sind vielleicht in irgendwem unstattlich scheinender Begleitung unterwegs oder waren an dem und dem unstatthaft scheinenden Orten oder haben etwas, was nicht jedem gefällt. Dann können sie, wie meinerzeit, in Berlin den schnuckeligen Viktoria-Luise-Bahnhof vermeiden, da gab es nämlich auch mal Schläge, oder die grüne oder die gelbe Linie in Mailand umgehen, je nachdem. Denn in diesem gleichförmig anzusehenden unterirdischen Strömen von Menschen regieren Gesetze. Ein Professor, der sich da beschaulich seinen Erinnerungen hingebt, wird das nie verstehen.
sabato 1 aprile 2017
Alles weg!
Philosophie ist jetzt ein englischsprachiger Studiengang oder etwas für zukünftige Ethik-Lehrer an Oberschulen, Literatur weiß keiner, was das macht, und der Rest fließt so oder so in Kulturmanagement ein. Denn irgendwie muss ja Geld ins Säckel, welches sonst der Staat auffüllte. Wahlweise bliebe noch Konfliktforschung oder etwas gegen Bombenleger.
Da schien es doch vielhererträumend, in Europa so Liberal Arts and Sciences Colleges einzurichten, wie man die schon lange da hat, wo man den Rest nicht kennt. Denn da würden die jungen Leute doch, dachte man, neben Statistik und Essay Writing auch Literatur und Philosophie ein wenig pflegen dürfen, bevor sie endlich arbeiten gingen. Nun tragen die entsprechenden Kurse in solchen Schulen werbemittelnahe Namen wie Great Literary Works I und II und das ist nun ja wohl auch nicht das, was man sich in Old Europe unter literarischen Studien vorgestellt hätte. Da legt der Verdacht doch nahe, es gehe gar nicht um das, was die Amerikaner Humanities nennen, sondern mehr um eine, italienisch gesagt, Spolveratina culturale. Wenn wir nun etwa einen Fachmann fragten, nämlich den Dean, so nennt man das jetzt, eines solchen Colleges, namens etwa Ernie Turtle, würde der etwas antworten wie "you study Liberal Arts and Sciences not because you have not yet made up your mind about what it is that you really want to do". Das wäre ja noch schöner. "Rather, you study Liberal Arts and Sciences because scientific and societal questions in need of academic analysis and answers have become so complex, that a mono-disciplinary approach to them is hardly ever enough for generating real understanding of them".
Sehen Sie: Literarisches, Pflege und Ausdruck von Welten und Sichten und Träumen: das kommt hier nicht vor. Stattdessen denkt hier einer, wenn man das so sagen sich erlauben möchte, an die Komplexität der Welt, bei welchem Hinweis ich ja immer neidvollst an meine Großmutter in Handorf bei Telgte denke, welche ja offenbar noch in einer gänzlich unzusammengesetzten, eben unkomplexen Welt zu Leben die Freude hatte und deshalb nicht interdisziplinär studieren musste, sondern in ihrer westfälischen Volksschule ganz glücklich war.
Was Dr. Ernie Turtle mit "real understanding" meint, finde ich sicher auch noch heraus. Etwas wie "eigentlich", nehme ich an.
Da schien es doch vielhererträumend, in Europa so Liberal Arts and Sciences Colleges einzurichten, wie man die schon lange da hat, wo man den Rest nicht kennt. Denn da würden die jungen Leute doch, dachte man, neben Statistik und Essay Writing auch Literatur und Philosophie ein wenig pflegen dürfen, bevor sie endlich arbeiten gingen. Nun tragen die entsprechenden Kurse in solchen Schulen werbemittelnahe Namen wie Great Literary Works I und II und das ist nun ja wohl auch nicht das, was man sich in Old Europe unter literarischen Studien vorgestellt hätte. Da legt der Verdacht doch nahe, es gehe gar nicht um das, was die Amerikaner Humanities nennen, sondern mehr um eine, italienisch gesagt, Spolveratina culturale. Wenn wir nun etwa einen Fachmann fragten, nämlich den Dean, so nennt man das jetzt, eines solchen Colleges, namens etwa Ernie Turtle, würde der etwas antworten wie "you study Liberal Arts and Sciences not because you have not yet made up your mind about what it is that you really want to do". Das wäre ja noch schöner. "Rather, you study Liberal Arts and Sciences because scientific and societal questions in need of academic analysis and answers have become so complex, that a mono-disciplinary approach to them is hardly ever enough for generating real understanding of them".
Sehen Sie: Literarisches, Pflege und Ausdruck von Welten und Sichten und Träumen: das kommt hier nicht vor. Stattdessen denkt hier einer, wenn man das so sagen sich erlauben möchte, an die Komplexität der Welt, bei welchem Hinweis ich ja immer neidvollst an meine Großmutter in Handorf bei Telgte denke, welche ja offenbar noch in einer gänzlich unzusammengesetzten, eben unkomplexen Welt zu Leben die Freude hatte und deshalb nicht interdisziplinär studieren musste, sondern in ihrer westfälischen Volksschule ganz glücklich war.
Was Dr. Ernie Turtle mit "real understanding" meint, finde ich sicher auch noch heraus. Etwas wie "eigentlich", nehme ich an.
Nicht-Orte
Das kommt jetzt alles weltlächelnd daher und nagelneue Worte glänzen im Raum. Hinter der Grenze zwar hört man Finsterlinge von gestern: wir lassen sie nicht herein. Populisten! Rückwärtsträumer! An ihren Worten können wir sie kennen.
Aber dann müssen wir das Flugzeug nehmen und uns schaudert. Ist das den nicht alles so kalt und fremd an diesen Reiseorten? - Wie jedes nicht mehr ganz frische Thema musste ein Franzose das aufgreifen und klagen: so ein Flughafen "schafft keine besondere Identität und keine besondere Relation, sondern Einsamkeit und Ähnlichkeit.“ Früher, an so einer Postkutschenstation, da ging es noch herzenswarm zu und sehr persönlich war der Handschlag. Am Flughafen aber, ach.
Welche Flughafen mag der da gesehen haben, der, wie es heißt, Ethnologe? Milano Linate nicht, denn da fühlst du dich wie einer, der sich in einem Einfamilienhaus verläuft. Stuttgart nicht, denn zwischen luftig hochgeschwungenen Blumenstengelbeinen fühlt sich niemand einsam. Den grausigen Frankfurter vielleicht, wo du die winzigen Hinweisschilder suchen musst? Aber das vereint doch. "Wissen Sie vielleicht..?"
Amsterdam-Schiphol hat der Herr sicher auch nicht gesehen oder gemeint. Das ist wie eine Kleinstadt. Da sitzt, steht, liegt man oder kauft ein und das alles vernetzt. In der Raucherkabine zumindest findet sich noch stets Gelegenheit zu kurzen Gesprächen mit bedröhnten Fumatini aus Italien.
Es ist nun eben so, dass, wen jemand steinalte Gemeinplätze über das moderne Leben aufwärmen möchte, er das über den Umweg der Pariser Ethnologie tun muss.
Aber dann müssen wir das Flugzeug nehmen und uns schaudert. Ist das den nicht alles so kalt und fremd an diesen Reiseorten? - Wie jedes nicht mehr ganz frische Thema musste ein Franzose das aufgreifen und klagen: so ein Flughafen "schafft keine besondere Identität und keine besondere Relation, sondern Einsamkeit und Ähnlichkeit.“ Früher, an so einer Postkutschenstation, da ging es noch herzenswarm zu und sehr persönlich war der Handschlag. Am Flughafen aber, ach.
Welche Flughafen mag der da gesehen haben, der, wie es heißt, Ethnologe? Milano Linate nicht, denn da fühlst du dich wie einer, der sich in einem Einfamilienhaus verläuft. Stuttgart nicht, denn zwischen luftig hochgeschwungenen Blumenstengelbeinen fühlt sich niemand einsam. Den grausigen Frankfurter vielleicht, wo du die winzigen Hinweisschilder suchen musst? Aber das vereint doch. "Wissen Sie vielleicht..?"
Amsterdam-Schiphol hat der Herr sicher auch nicht gesehen oder gemeint. Das ist wie eine Kleinstadt. Da sitzt, steht, liegt man oder kauft ein und das alles vernetzt. In der Raucherkabine zumindest findet sich noch stets Gelegenheit zu kurzen Gesprächen mit bedröhnten Fumatini aus Italien.
Es ist nun eben so, dass, wen jemand steinalte Gemeinplätze über das moderne Leben aufwärmen möchte, er das über den Umweg der Pariser Ethnologie tun muss.
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