Schau dich um in deiner Klasse, das Abitur naht: kannst du es nicht sehen, wer von euch es zu etwas bringen wird? Der Schläger oder die Schlägerin, der Sportler und die Streberin, die Schwimmerin, der Esel mit den breiten Schultern?
Wer aus meiner letzten Schulklasse etwa reich geworden wäre, weiß ich nicht. Ich habe die meisten Namen vergessen. Nur an die drei Streber kann ich mich erinnern. Ich habe ihnen wohl, ohne je dazu zu gehören: ich war einfach zu faul und zu wenig da, auf rätselhafte Weise nahe gestanden.
Die Beste war von Natur aus Streberin. Sie konnte nicht anders, nehme ich an, und dachte sich wohl nichts dabei. Sie war nur intelligenter und fleißiger als die anderen, auch nicht besonders aufsässig. Gesagt hat sie nicht viel, hatte aber am Ende immer die besten Noten. Wenn ich ihren Namen richtig gegoogelt habe, ist sie heute Direktorin eines mittelgroßen Archivs irgendwo in Deutschland. Das könnte man sich als Leben ja auch vorstellen: zu schüchtern für große Hörsäle, zu klug fürs Klassenzimmer, sucht, hegt und pflegt sie Urkunden und Schriften, die Seele Europas.
Der zweitbeste war ein alternativer junger Mann, welcher Kernkraftwerke und Sex ohne Liebe "echt finster" fand, nach getanen Hausaufgaben Gedichte im Stile Erich Frieds schrieb und damit auch einen gewissen Erfolg hatte. Er hatte so gute Noten, dass er sich für Theaterwissenschaften an der FU Berlin einschreiben konnte, wo es einen strengen Numerus Clausus gab. Das hat er aber schnell wieder aufgegeben und ist, heißt es, ein bekannter Satiriker geworden. Wenn ich mir seine satirischen Videoclips anschaue, dann sehe ich bei vielen, den älteren ganz sicher, plötzlich unsere manchmal wunderbare Deutschlehrerin vor mir und höre ihre bissigen Bemerkungen: für die anderen waren die lustig, nicht immer für den, den es traf. Ganz ähnlich hat unser Satiriker einmal etwas sehr Böses über Streber Nummer drei geschrieben und diesen in einem Zeitungsartikel einen Streber genannt, was nun wirklich komisch ist, vor allem aber ungezogen. So etwas gehört sich nicht, lehrt aber etwas über den Charakter von Strebern: trau ihnen nicht.
Nummer drei also, der ist heute Professor, und ich hoffe, er ist nicht mehr so zappelig, wie er als Junge war. Sein Vater war auch Professor, aber in einem ganz anderen Gebiet; die Tatsache verrät also wohl nichts über catanische Machenschaften an deutschen Unis, eher etwas von der Richtung unserer Träume. Ich selbst hätte und habe das vermieden, den Weg meines Vaters einzuschlagen. Es ist doch so schon schwierig genug, vom Erzeuger freizukommen. Aber Streber folgen offenbar immer jemandem.
Ob sie glücklich sind?
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