sabato 10 giugno 2017

Immer zwei, entweder/oder

Schon bei Dante wird die Gegenüberstellung von heute und gestern zum System (Purg. XVI). Dass er ein drittes nicht recht bedenkt, nämlich die Zukunft, ist aus seiner Sicht verständlich. Im Jenseits gibt es keine Zukunft. Doch wenn dann Weber traditionelles Wirtschaftshandeln und modernes gegeneinander hält, könnte es sich doch fragen, warum da kein drittes auftrete. Das, was morgen käme, wäre für den Soziologen einfach Verlängerung der Gegenwart. War Tönnies da vorsichtiger? Gemeinschaft gegen Gesellschaft, immerdar? Wieder nur zwei. Und die Nazis dann haben seine Begriffe wieder aufgenommen und die Communitarians in den Neunzigern wieder. A gegen B, B gegen A. "Wenn ich dann noch traurig bin, fang ich an von vorn" (Heinz Erhardt). Es ist ein wenig so, als würden wir uns in einem Wasserglas den Kopf einrennen. 

In der Linguistik ist es genauso. Entweder ein e ist offen (ä) oder es ist geschlossen (e). Ausgeschlossen ist da jede Abstufung, wie wir sie im Sprechen natürlich haben. "Interessiert nicht", sagt der Linguist, welcher im Übrigen auch unterscheidet zwischen Parole und Langue. Welches letztere nur eine Idee der Sprachforscher ist, so ein Gedankennetz, oder aber wirklich da, nämlich mit der Kompetenz verbunden, welche der Performanz gegenübersteht. Man braucht nicht Hegel zu sein, um zu sehen, dass auch eine ganz andere Sicht dieser Dinge möglich wäre. Etwa, dass beide in gewisser Weise auch dasselbe seien, so wie Sein und Nichts. Es gibt ja keine Kompetenz ohne Material drin, das ist Performanz, und es gibt keine Performanz, die nicht zugleich immer schon auch regelsetzend oder -bekräftigend wäre. Dann ginge es weiter mit ... was?


Auf dem Fußboden, Europa

Im Dom von Siena gibt es auf dem Fußboden ein Bild von Sokrates.  Sapientia reicht ihm den Palmzweig, dem Märtyrer des Christentums. Er selbst hat ein Buch in der Hand.
Das ist natürlich alles falsch. Mit Christus hat Sokrates naturgemäß nichts zu tun. Er liest und schreibt ja auch keine Bücher. 

Er ist aber ein Buchmensch. Er lebt in Büchern und durch Bücher und im Namen eines Buches, des Buches, vollzieht sich hier der wunderbare Geschichtsraub des Rinascimento. Dies: im Buch und durchs Buch und im Namen des Buchs, ist, was Europa gewesen ist. 

Es gibt nun auch heute noch Bücher. Wie es ja auch noch die Briefpost gibt.