lunedì 27 febbraio 2017

Nichtleser nach vorn!

Außer den Handschuhe für ihre Freunde strickenden Lehramtsanstrebenden, die sowieso nie etwas sagten, saßen in unserem Seminar auch andere Nichtleser, welche sich in jeder Sitzung zu, wie es damals hieß, spontanen Äußerungen getrieben fühlten. Zu Hofmannsthal Gedicht "Manche freilich müssen drunten sterben" bestand eine solche in der Frage, warum dieser Dichter denn nicht für eine bessere Welt demonstrieren gegangen sei, statt zu Hause zu sitzen und elitäre Gedichte zu schreiben. Das schien mir für eine Germanistikstudentin eine bemerkenswerte Frage zu sein, weshalb ich sie hier aufschreiben möchte.

Heute ist alles anders und wir haben die Inklusion. Zu lange hat die grausame universitäre Auslese junge Menschen hin- und weggemäht. 

Heute sitzen wir, möchte man doch sagen, alle im selben Boot, was allerdings, in gewisser Weise, schon Hofmannsthal geschrieben hatte. 


Aus dem Englischen

Unter den verschiedenen Verbrechen, deren sich ein Freiburger Philosoph schuldig gemacht hat, und das mindeste ist das an der deutschen Sprache nicht, wiegt das am schwersten, Hannah Arendt auf den Weg geholfen zu haben, und das gegen, vermutlich, geldwerten Vorteil. 

Die Dame ist dann, was um ihres Lebens willen ja zu begrüßen ist, in die States emigriert und hat dort außerordentliche Plattheiten geschrieben. Vermutlich hatte sie einfach keine Plato-Ausgabe dabei. Das kann natürlich passieren und könnte ja gleichgültig sein, aber wenn wer im Angelsächsischen durch schludrige Zusammenfassungen bekannt wird, dann plumpst dieser Wiederkäuer irgend wann auch auf uns im alten Europa wieder herab. Der Abendländer kratzt sich dann verblüfft den Kopf und betrachtet, was da vor ihm liegt. Was soll es schon sein? Philosophie mit Verkaufszahl. "Ein Genie!" 

Ähnliches ist, allerdings über Oxford, auch mit Isaiah Berlin geschehen, dessen "Magus des Nordens" für unseren stern- und blitzreichen Hamann ungefähr das ist, was Wikipedia für Hölderlin. Schwindelnde Dummheit, tiefes Unrecht. 

"Sentimentaler Penis-Dichter" und andere Vorwürfe

in irgendeinem dieser ja offenbar fast stündlich ausgeworfenen, wie es heißt: kleineren, und dann: Aufsätzen oder Essays, was nur dann dasselbe ist, wenn man immer schon an britisches oder amerikanisches Writing denkt und nicht an Musil oder Ernst Bloch, was bei einem sozusagen amerikanelnden Denker der Fall sein könnte, hatte eben dem Bloch der noch jüngere Habermas vorgeworfen, er drücke sich unangemessen aus. Nicht richtig diskursfreudig oder konsensersehnend oder etwas. Denn Bloch hatte D.H.Lawrence einen sentimentalen Penis-Dichter genannt und Ludwig Klages einen kompletten Tarzanphilosophen, womit er ja nun, je nachdem, durchaus richtig gelegen haben könnte. Habermas also meinte, so etwas zu sagen, das gehöre sich nicht. Heute ist diese Frage, ob sich etwas denn gehöre oder nicht, ob man das denn so sagen dürfe oder nicht, nun in gewisser Weise ein klein wenig unerfreulich erstickend geworden. 

Am Opitz- oder Büchner-Institut, wie das nicht heißt: musste Hegel weg

Ein zertifizierter Dichterriese passt naturgemäß besser zu Sprachkursen und etwas Kultur als sonst wer. Wir kaufen ja auch keine Laufschuhe, auf denen Hepphepp steht, sondern der Name einer griechischen Siegesgöttin oder ein deutsches Namenskürzel oder was anderes, wo wer sieht, dass das was gekostet hat und was ist. Also Goethe. Novalis? Mit der Freundin! Büchner? Hinter dem war die Polizei her. Lenz? Man verreckt doch nicht einfach so auf einem Moskauer Bürgersteig und wenn, dann kriegt man naturgemäß kein Institut dafür. 

Goethe, das Institut, geht mit der Zeit. Die hatten da etwa in Mailand eine Bibliothek für Deutsches, womit Literatur nicht nur, sondern auch Philosophie gemeint war. Man stelle sich vor: die hatten einen ganzen Raum für deutsche Denker von Wolff bis Theunissen, ganz für die allein. Dort hatte ich "Nice in Italia" gefunden, ein Seltenstes! Dort, in diesem Raum, traf man nicht nur deutsche Bildungsbeflissene, die sind ja eher dünn gesät, sondern italienische Philosophiestudenten und -lehrer, die die Dinge im Original lesen wollten, was ja vorkommt, nur in Frankreich natürlich nicht. 

Eines Tages lagen nun, aufgestapelt in zwei Pappkisten, alle Bände der Hegel-Studien neben dem Ausleihtresen. Ein Papierzettel klebte auf einer der Kisten, auf dem stand: 1 Euro. Zweite Ware offenbar, wurden diese gelehrten Kommentare verramscht. Das ist nun etwa so, als würde der Vatikan Thomas von Aquin rausschmeißen, vielleicht für zwei Euro pro Band, weil das Original ja genügte. "Wir modernisieren", erklärte die magere Bibliothekarin, deren schwarzer Dutt hier Jahrzehnte überstanden hatte und eine sichere Zukunft zu garantieren schien. "Ach so". 

Nun hatte diese Entwicklung oder wie man das nun denken möchte damit noch kein Ende. Er hatte wohl, ganz gegen seinen Geist, schon ahndungsvoll gezittert: wenige Wochen später lag Hegel selbst im Ramschkarton. Nicht allein. Kant lag neben ihm, Fichte war da, Nietzsche, Max Weber. Nach und nach eben einfach alles, was zuvor im Denkerraum gestanden hatte. Jeweils für einen Euro. 

Sollte solche Ausflugsfreudigkeit nur den Philosophen vergönnt gewesen sein? Die Literatur!  Das alte Zeug musste raus! Wolfram und Gryphius und Storm und so etwas, was ja heute kein Mensch mehr lesen will. 

Als dann Platz war, stellte jemand dort eine Internetstation auf. Vier Computer mit Anschluss. Darüber ein Schild: Info-Point. Wenn der noch da ist, dann haben sie da jetzt auch etwas Schönes. Ein paar Bücher stehen wohl noch darum herum. Süßkind oder Feuchtgebiete, so etwas Aktuelles. 

Solch ein Mitderzeitgehen ist ja doch etwas Menschliches, Harmonisches, edel Einfältiges.