Wir stellen uns dann, wenn wieder irgendsoein Streber oder W2-Professor Dünnes ausgibt, gerne vor, früher sei das Niveau, wie meine Mutter das nennen würde, besser gewesen. Irrtum.
Einer meiner Lehrer hieß Walter Höllerer, Schriftsteller und Professor, und hielt nette Kurse zur Textinterpretation, wo er bahnbrechende Dinge bemerkte wie: "Der Heissenbüttel steckt einfach zu viel Theorie in seine Texte!" Lesen habe ich aber doch da gelernt. Jedenfalls ein bisschen. Einmal forderte er uns auch auf, etwas beizutragen oder zu sagen. Wir sollten nicht schüchtern sein oder arrogant, was vielleicht aber auch dasselbe sei. Bis heute finde ich diese Bemerkung ein wenig weise.
Derselbe Professor, dessen wichtigster Roman damit endet, dass der Ich-Erzähler ein Schiller-Denkmal in die Luft jagt, hielt auch, so war es angekündigt, eine Vorlesung über deutschsprachige Nachkriegsliteratur. Wie mir mehrere Studenten glaubwürdig versicherten, denn ich ging zu so was nicht hin, wiederholte er dort in drei Wochen dreimal hintereinander dieselbe Lektion. Darauf angesprochen, soll er erklärt haben, dass die Studenten sowieso nix verstünden.