venerdì 17 febbraio 2017

Italiens Punk: Musik zum Untergang: The Zen Circus


Biographische Vorbemerkung
1988 war ein besonderes Jahr. Ich verließ eine Freundin, die mich krank machte und eine Stadt, die mich zu ersticken schien. Doch erst hatte ich noch eine neue LP gekauft, nachdem ich an der Kottbusser Brücke ein schwarzes T-Shirt gesehen hatte. Darauf war ein Motto der „Toten Hosen“ zu lesen, welches mir inspirierend erschien. Funpunk hatte ich noch nie gehört, und die Mischung aus Ironie und Aufstand, den die deutsche Band, nach den Ramones, vertrat, traf den Punkt.

Besonders ein Lied hatte es mir angetan: „Sie warten nur auf dich“. Darin geht es um einen Jungen, der regelmäßig Prügel bekommt. Das erinnerte mich an meine eigene frühe Jugend und an die verschiedenen Umwege, die ich mit zehn oder zwölf in unserem Dorf zu gehen hatte, um gewissen Menschen nicht zu begegnen. Lieblingsanrede dieser war: „Ej, watt guckste so läppsch?“ (Hochdeutsch: „Sie haben mich fixiert“).

Als ich etwa im Jahre 2010 im Spiegel die alarmierende Meldung las, dass Psychologinnen herausgefunden hätten, es gebe seit zwei oder drei Jahren auch in deutschen Grundschulen Mobbing, und das sei doch Besorgnis erregend, wäre ich fast vom Stuhl gefallen. Wo waren die wohl zur Schule gegangen? Hatten sie nie zwei Jungs sich gleich vor dem Schulgebäude auf der Straße blutig schlagen sehen? Eine fremde Welt, die der wissenschaftlichen Neuheiten.

Das Lied führte nun zügig aus der Vergangenheit in die Zukunft. „Sie warten nur auf dich / mit einem Lächeln im Gesicht / wollen sie dich“. War da nicht von einem zukünftigen Leben in deutschen Fakultätsbüros die Rede?

Ich war dann auch schnell weg.

Unterwegs im Süden: Punk in Italien
In Italien angelangt, betrat ich bald einen Plattenladen und fragte nach italienischem Punk. Der junge Verkäufer starrte mich an. Nein, gebe es nicht. Das war zwar nicht richtig, denn immerhin hatten die sehr junge Jo Squillo (Violentami sul metro!) und die Gruppe Kandeggina (etwa „Bleiche“ oder „Domestos“) so etwas gesungen. Doch was tut es, ich erwarb die neue Kassette von Zucchero (Oro, incenso e birra: „Gold, Weihrauch und Bier“, die Gaben der drei Könige eben), und das war ja auch nicht übel. Schon wegen der kräftigen Stimme, wegen des Rhythmus´ und, nun ja: voglio vederti ballare / senza tabù/ il ballo di strappamutande: also den „Tanz der zerrissenen Unterhosen“ oder den „unterhosenzerreißenden Tanz“, je nachdem. Das war wiederum ein freier Ton, wie auf dem T-Shirt der „Toten Hosen“ im Jahr zuvor. Hat all dies Schreiben und Singen nicht etwas mit Freiheit zu tun? Damit, dass einer die Augen aufmacht und sich selbst fühlt und sagt, was er sieht und was er ist – oder sein könnte.

Eine literarische Tradition führt von Lukian über Catullus bis zum großen Pietro Aretino, weiter über Carlo Dossis Desinenza in a bis ins letzte Jahrhundert, sagen wir, bis Fassbinder? In der Volksmusik ist derselbe Impuls wie das allerkindlichste Glück am Kacke Sagen (im ICE stand einmal ein Kind vor mir und wiederholte immer wieder „Frankfurz“ und lachte und lachte) bis zu Nanni Svampas Mailänder Liedern wirksam. O che gioia che piacere che cuccagna, cagar in campagna: „Oh was ne Freude, welch Genuss, watten Spass, auf dem Lande zu scheißen“; oder: Porta romana bella/ ci stanno le ragazze che te la danno: „Schöne Porta Romana/ da stehen Mädel, die machen die Beine breit“. Das heißt doch auch: wir sehen nicht weg. Geil, erschreckt, mitleidig, verliebt sehen wir hin. So wie Fabrizio de André in Via dei campi: „an der Felderstraße, da steht ne Nutte/ Augen so grün wie Blätter/ wenn du Lust bekommst, sie zu lieben / nimm sie einfach an der Hand“. Warum? Vielleicht ist es das: dai diamanti non nasce niente dal letame nascono i fior? „Aus Diamanten wächst nichts, aus dem Mist wachsen die Blumen“.

In diese Richtung scheint es ja Gott sei Dank zu gehen, wenn da seit fast zehn Jahren mit erstaunlicher Beherrschung der Instrumente und der Genres die italienische Punkband The Zen Circus aus Pisa nette Dinge singt wie: „Geht alle in den Arsch“ (Andate tutti affanculo, mit einem lalala-Refrain) oder „Meine Mutter ist komisch, sie nennt mich immer Hurensohn“ (Figlio di puttana). Da singt es entnervt gegen die Heimatstadt (Pisa merda) und gegen Jesus gleichermaßen, welcher mit seiner Güte die Welt zur Hölle gemacht habe (e il bene ha fatto della terra questo inferno), ja Nietzsche haben die wohl gelesen. Schon der Titel zeigt das: L'amorale, ein nettes Spiel ist zwischen la morale und l'amorale.

Contro la natura singen sie, quella che davvero fa paura: die, die wirklich Angst macht, die, wo die Kornmuhme wohnt. So etwas fällt nur jemandem ein, der selbst auf dem Land aufgewachsen ist oder doch wenigstens in einem Städtchen, welches ci accosta al letame/ / tu fuggi quanto vuoi ma l’odore ti rimane: „sie setzt uns neben den Mist / so weit du auch läufst, den Gestank wirst du nicht los“. Hinsehen, riechen, hören, fühlen, vielleicht denken: das singen. Dabei nicht ernst werden. „Was willst du denn mal werden?“ fragt die Lehrerin den Erstklässler: „Banker, Anwalt oder Journalist? Nein, nein, ich werd´Terrorist! Der ändert auch Gesetze und kommt in die Zeitung.“ (Terrorista) Meisterstück in dieser Hinsicht auch das Video zu Milanesi al mare