Biographische
Vorbemerkung
1988
war ein besonderes Jahr. Ich verließ eine Freundin, die mich krank
machte und eine Stadt, die mich zu ersticken schien. Doch erst hatte
ich noch eine neue LP gekauft, nachdem ich an der Kottbusser Brücke
ein schwarzes T-Shirt gesehen hatte. Darauf war ein Motto der „Toten
Hosen“ zu lesen, welches mir inspirierend erschien. Funpunk
hatte ich noch nie gehört, und die Mischung aus Ironie und Aufstand,
den die deutsche Band, nach den Ramones, vertrat, traf den
Punkt.
Besonders
ein Lied hatte es mir angetan: „Sie warten nur auf dich“. Darin
geht es um einen Jungen, der regelmäßig Prügel bekommt. Das
erinnerte mich an meine eigene frühe Jugend und an die verschiedenen
Umwege, die ich mit zehn oder zwölf in unserem Dorf zu gehen hatte,
um gewissen Menschen nicht zu begegnen. Lieblingsanrede dieser war:
„Ej, watt guckste so läppsch?“ (Hochdeutsch: „Sie haben mich
fixiert“).
Als
ich etwa im Jahre 2010 im Spiegel die alarmierende Meldung las, dass
Psychologinnen herausgefunden hätten, es gebe seit zwei oder drei
Jahren auch in deutschen Grundschulen Mobbing, und das sei doch
Besorgnis erregend, wäre ich fast vom Stuhl gefallen. Wo waren die
wohl zur Schule gegangen? Hatten sie nie zwei Jungs sich gleich vor
dem Schulgebäude auf der Straße blutig schlagen sehen? Eine fremde
Welt, die der wissenschaftlichen Neuheiten.
Das
Lied führte nun zügig aus der Vergangenheit in die Zukunft. „Sie
warten nur auf dich / mit einem Lächeln im Gesicht / wollen sie
dich“. War da nicht von einem zukünftigen Leben in deutschen
Fakultätsbüros die Rede?
Ich
war dann auch schnell weg.
Unterwegs
im Süden: Punk in Italien
In
Italien angelangt, betrat ich bald einen Plattenladen und fragte nach
italienischem Punk. Der junge Verkäufer starrte mich an. Nein, gebe
es nicht. Das war zwar nicht richtig, denn immerhin hatten die sehr
junge Jo Squillo (Violentami sul
metro!) und die Gruppe Kandeggina (etwa „Bleiche“
oder „Domestos“) so etwas gesungen. Doch was tut es, ich erwarb
die neue Kassette von Zucchero (Oro, incenso e birra: „Gold,
Weihrauch und Bier“, die Gaben der drei Könige eben), und das war
ja auch nicht übel. Schon wegen der kräftigen Stimme, wegen des
Rhythmus´ und, nun ja: voglio vederti ballare / senza tabù/ il
ballo di strappamutande: also den „Tanz der zerrissenen
Unterhosen“ oder den „unterhosenzerreißenden Tanz“, je
nachdem. Das war wiederum ein freier Ton, wie auf dem T-Shirt der
„Toten Hosen“ im Jahr zuvor. Hat all dies Schreiben und Singen
nicht etwas mit Freiheit zu tun? Damit, dass einer die Augen aufmacht
und sich selbst fühlt und sagt, was er sieht und was er ist – oder
sein könnte.
Eine
literarische Tradition führt von Lukian über Catullus bis zum
großen Pietro Aretino, weiter über Carlo Dossis Desinenza in a
bis ins letzte Jahrhundert,
sagen wir, bis Fassbinder? In der Volksmusik ist derselbe Impuls wie
das allerkindlichste Glück am Kacke Sagen (im ICE stand einmal ein
Kind vor mir und wiederholte immer wieder „Frankfurz“ und lachte
und lachte) bis zu Nanni Svampas Mailänder Liedern wirksam. O
che gioia che piacere che cuccagna, cagar in campagna:
„Oh was ne Freude, welch Genuss, watten Spass, auf dem Lande zu
scheißen“; oder: Porta romana bella/ ci stanno le
ragazze che te la danno: „Schöne
Porta Romana/ da stehen Mädel, die machen die Beine breit“. Das
heißt doch auch: wir sehen nicht weg. Geil, erschreckt, mitleidig,
verliebt sehen wir hin. So wie Fabrizio de André in Via
dei campi: „an der
Felderstraße, da steht ne Nutte/ Augen so grün wie Blätter/ wenn
du Lust bekommst, sie zu lieben / nimm sie einfach an der Hand“.
Warum? Vielleicht ist es das: dai
diamanti non nasce niente dal letame nascono i fior?
„Aus Diamanten wächst nichts, aus dem Mist wachsen die Blumen“.
In
diese Richtung scheint es ja Gott sei Dank zu gehen, wenn da seit
fast zehn Jahren mit erstaunlicher Beherrschung der Instrumente und
der Genres die italienische Punkband The Zen
Circus aus Pisa nette
Dinge singt wie: „Geht alle in den Arsch“ (Andate
tutti affanculo, mit
einem lalala-Refrain) oder „Meine Mutter ist komisch, sie nennt
mich immer Hurensohn“
(Figlio di puttana). Da
singt es entnervt gegen die Heimatstadt (Pisa
merda) und gegen Jesus
gleichermaßen, welcher mit seiner Güte die Welt zur Hölle gemacht
habe (e il bene ha fatto
della terra questo inferno),
ja Nietzsche haben die wohl gelesen. Schon der Titel zeigt das:
L'amorale,
ein nettes Spiel ist zwischen la
morale und l'amorale.
Contro
la natura
singen sie, quella
che davvero fa paura:
die, die wirklich Angst macht, die, wo die Kornmuhme wohnt. So etwas
fällt nur jemandem ein, der selbst auf dem Land aufgewachsen ist
oder doch wenigstens in einem Städtchen, welches ci
accosta al letame/ / tu fuggi quanto vuoi ma l’odore ti rimane:
„sie setzt uns neben den Mist / so weit du auch läufst, den
Gestank wirst du nicht los“. Hinsehen, riechen, hören, fühlen,
vielleicht denken: das singen. Dabei nicht ernst werden. „Was
willst du denn mal werden?“ fragt die Lehrerin den Erstklässler:
„Banker, Anwalt oder Journalist? Nein, nein,
ich werd´Terrorist! Der ändert auch Gesetze und kommt in die
Zeitung.“ (Terrorista) Meisterstück in dieser Hinsicht auch
das Video zu Milanesi al mare.