Peinliche Witze könnten ja recht eigentlich etwas berührend Schönes und Zärtliches sein. Peinlichkeit ist so ein Zusammenheitsgefühl, wie wir sie ja auch lieb haben könnten. Wenn nun aber ein Streber einen peinlichen Witz macht, dann tut er das nicht von selber, sondern er nimmt ihn von außen auf.
In der Stadt, die Wissen schafft, also per definitionem schon dem Weltexzellenzzentrum des flauen Wortwitzes, soll demnächst eine "Nachwuchstagung" stattfinden. So ein verhältnismäßig kostengünstig zu veranstaltendes Jungstrebertreffen, wo abends statt eines größeren Essens etwa eine selbstfinanzierte Currywurst anliegt, braucht einen Namen.
Die Wahl fiel auf "Fordschritt". Was aber nicht einfach nur ein geistreicher, deshalb blöder Wortwitz ist, sondern von Tucholsky stamme, wie zwischen Klammern angegeben wird. Na also ist das nicht? Ja, mindestens.
mercoledì 15 febbraio 2017
Jean Paul überhaupt
Den Jean Paul Richter, den will in Deutschland ja keiner mehr kennen. Das war wohl schon im neunzehnten Jahrhundert so, während im Ausland immerhin noch Kierkegaard und der große Carlo Dossi in Italien seine Bücher gelesen haben. Auf Deutsch. Übersetzungen gab es nicht, was heute anders sein soll, obwohl ich das bezweifeln möchte.
Ich saß da also in der bunten Altbauwohnungsküche eines so frei zusammenlebenden Paares und sagte der kulturell aufgeschlossenen jungen Germanistin namens Karin am Tische, ich lese gerade wieder einmal Jean Paul. Es wird wohl, wieder einmal, das "Leben des vergnügten Schulmeisterleins Wutz in Auental" gewesen sein. Karin strahlte, vielleicht warf sie ganz südländisch die Arme in die Luft?
"Ja, dieser Sartre!" rief sie aus, "immer wieder bin ich begeistert!" Ich naturgemäß weniger. Die Frau war nun sowieso aus Bayern, oder genauer gesagt, aus Franken, was ja irgendwie einen Unterschied machen soll, der mir allerdings entgeht.
Einige Jahre später ging ich in eine Buchhandlung und fragte nach den "Flegeljahren" von Jean Paul, weil ich die verschenken wollte. Der Laden führte den Titel der "Universitätsbuchhandlung" in einer Stadt, deren Namen mir nicht entschlüpfen wird.
Das Buch war nicht vorrätig. Der junge schnieke Buchhändler wollte es mir bestellen. "Wie schreibt man den Namen?" wollte er erst wissen. Ich habe den Laden nie wieder betreten.
Ecco, kurz gesagt, Jean Paul, der Name ist so etwas wie ein Test. Wenn du deiner Umgebung nicht vertraust, nenne den, und du wirst sehen, dass du recht hattest.
Ich saß da also in der bunten Altbauwohnungsküche eines so frei zusammenlebenden Paares und sagte der kulturell aufgeschlossenen jungen Germanistin namens Karin am Tische, ich lese gerade wieder einmal Jean Paul. Es wird wohl, wieder einmal, das "Leben des vergnügten Schulmeisterleins Wutz in Auental" gewesen sein. Karin strahlte, vielleicht warf sie ganz südländisch die Arme in die Luft?
"Ja, dieser Sartre!" rief sie aus, "immer wieder bin ich begeistert!" Ich naturgemäß weniger. Die Frau war nun sowieso aus Bayern, oder genauer gesagt, aus Franken, was ja irgendwie einen Unterschied machen soll, der mir allerdings entgeht.
Einige Jahre später ging ich in eine Buchhandlung und fragte nach den "Flegeljahren" von Jean Paul, weil ich die verschenken wollte. Der Laden führte den Titel der "Universitätsbuchhandlung" in einer Stadt, deren Namen mir nicht entschlüpfen wird.
Das Buch war nicht vorrätig. Der junge schnieke Buchhändler wollte es mir bestellen. "Wie schreibt man den Namen?" wollte er erst wissen. Ich habe den Laden nie wieder betreten.
Ecco, kurz gesagt, Jean Paul, der Name ist so etwas wie ein Test. Wenn du deiner Umgebung nicht vertraust, nenne den, und du wirst sehen, dass du recht hattest.
Jean oder Heidi?
Früher gab es beim Sprachenlernen ja zwei Methoden.
Bei der ersten lernte man Grammatik und Wörter und las oder übersetzte dann klassische Texte aus Philosophie oder Literatur. Das konnte einer notfalls auch alleine tun. Es genügte ja eine Grammatik, ein Wörterbuch und was zum Lesen. So lernt man heute allerdings nur das, was man da etwas unfreundlich tote Sprachen nennt. Kierkegaard hat seinerzeit ja noch so Deutsch gelernt, denn er konnte zwar Jean Paul lesen, aber seinem Zimmerwirt in Berlin nach eigenem Bekunden nicht erklären, wie der Sessel oder die Lampe stehen sollten. Das war natürlich eine Tragödie. Heute kann das nicht mehr passieren.
Die zweite bestand im Erwerb einer Sammlung von Beispielsätzen für verschiedene Lagen des täglichen oder auch Ferienlebens, ergänzt durch langsam schwierigere Bereiche angehende Unterhaltungen mit einem eigens herbeibezahlten Sprachmeister. So lernten junge Damen Französisch. In der Grammatik steht ja nicht, dass man etwas wie "s'il vous plaît" vorbringen muss, wenn man was fragt oder sonst will.
Wer heute Deutsch oder Polnisch oder etwas anderes lebendig Tuendes lernen will, hat sich der zweiten Methode zu unterziehen, welche sich nicht mehr "Konversationsunterricht" sondern "kommunikativ" nennt. Nur dafür gibt es nämlich Kurse, einen Europäischen Referenzrahmen (aus Straßburg) und Zertifikate. Ohne ein "C1" kommt man in keine Universität mehr rein. Das alles täuscht nicht wirklich darüber hinweg, dass man jetzt, nach allgemeiner Auffassung, rein fremdsprachlich zu nichts mehr kommt, wenn man nicht einen Lehrer bezahlt und eine Schule dazu. Ach und die Prüfungszentrale fürs Zertifikat natürlich auch.
Und statt Jean Paul oder so jett lesen wir nun Interviews mit Erscheinungen wie Heidi Klumms, glaube ich (vgl. Lehrwerke wie "Menschen" oder "Sicher"), weil nur das wirklich alle wirklich interessiert.
Bei der ersten lernte man Grammatik und Wörter und las oder übersetzte dann klassische Texte aus Philosophie oder Literatur. Das konnte einer notfalls auch alleine tun. Es genügte ja eine Grammatik, ein Wörterbuch und was zum Lesen. So lernt man heute allerdings nur das, was man da etwas unfreundlich tote Sprachen nennt. Kierkegaard hat seinerzeit ja noch so Deutsch gelernt, denn er konnte zwar Jean Paul lesen, aber seinem Zimmerwirt in Berlin nach eigenem Bekunden nicht erklären, wie der Sessel oder die Lampe stehen sollten. Das war natürlich eine Tragödie. Heute kann das nicht mehr passieren.
Die zweite bestand im Erwerb einer Sammlung von Beispielsätzen für verschiedene Lagen des täglichen oder auch Ferienlebens, ergänzt durch langsam schwierigere Bereiche angehende Unterhaltungen mit einem eigens herbeibezahlten Sprachmeister. So lernten junge Damen Französisch. In der Grammatik steht ja nicht, dass man etwas wie "s'il vous plaît" vorbringen muss, wenn man was fragt oder sonst will.
Wer heute Deutsch oder Polnisch oder etwas anderes lebendig Tuendes lernen will, hat sich der zweiten Methode zu unterziehen, welche sich nicht mehr "Konversationsunterricht" sondern "kommunikativ" nennt. Nur dafür gibt es nämlich Kurse, einen Europäischen Referenzrahmen (aus Straßburg) und Zertifikate. Ohne ein "C1" kommt man in keine Universität mehr rein. Das alles täuscht nicht wirklich darüber hinweg, dass man jetzt, nach allgemeiner Auffassung, rein fremdsprachlich zu nichts mehr kommt, wenn man nicht einen Lehrer bezahlt und eine Schule dazu. Ach und die Prüfungszentrale fürs Zertifikat natürlich auch.
Und statt Jean Paul oder so jett lesen wir nun Interviews mit Erscheinungen wie Heidi Klumms, glaube ich (vgl. Lehrwerke wie "Menschen" oder "Sicher"), weil nur das wirklich alle wirklich interessiert.
VEB Volk und Wissen
In meinem bundsrepublikanischen Gymnasium ging naturgemäß alles seinen ministerial geordneten Häppchengang, vor allem in Mathematik, denn die war irgendwie schwierig. Wenn ich daher mittendrin im Progamm einen Lehrer vielleicht nach den komplexen Zahlen oder sonst einer seltsamen Erfindung der Mathematiker fragte, lautete die Antwort immer: das kommt später.
Angenommen, der junge Wessi hätte sich dann selbst auf die Suche nach Erklärungen gemacht, als es ja noch kein Internet gab, dann hätte er nichts gefunden, jedenfalls nicht sofort. Im Westen liebte man Selbstlerner nicht. Im Osten hingegen erschienen gelb und schwarz eingebundene Hefte über alles Wissenswerte der mathematischen Welt. Die kosteten auch nicht viel. Ich war dankbar.
Heute ist überall Westen oder wie man das sagen soll. Die Selbstlerner liebt jetzt gar niemand mehr. Allenfalls findet der im Internet eine Powerpoint-Präsentation.
Angenommen, der junge Wessi hätte sich dann selbst auf die Suche nach Erklärungen gemacht, als es ja noch kein Internet gab, dann hätte er nichts gefunden, jedenfalls nicht sofort. Im Westen liebte man Selbstlerner nicht. Im Osten hingegen erschienen gelb und schwarz eingebundene Hefte über alles Wissenswerte der mathematischen Welt. Die kosteten auch nicht viel. Ich war dankbar.
Heute ist überall Westen oder wie man das sagen soll. Die Selbstlerner liebt jetzt gar niemand mehr. Allenfalls findet der im Internet eine Powerpoint-Präsentation.
Autodidakt
Wenn ich mir einen Holzkopf denken wollte, fiele mir immer Sartre ein. Der Mann hat an Kierkegaard alles verstanden, nur den Witz nicht. Da er daher so schön leicht zu erklären ist, findet er Eingang sogar ins deutsche Gymnasium, und zwar im Wahlpflichtbereich, wie das zu meiner Zeit hieß, Philosophie: zwei Wochenstunden bei einem Lehrer, welcher ein Philosophikum gemacht hat (dazu gibt es einen Aufsatz von Adorno und das genügt).
Die Philosophie ist zwar in Deutschland zu Hause. Deshalb mag man sie da aber noch lange nicht. Schon Humboldt oder wer da unter, vor oder nach ihm das preußische Gymnasium (im Kulturvergleich in den "Buddenbrooks") reformiert hat, wollte sie nicht in der höheren Lehranstalt haben. Deshalb ist sie auch heute nicht da. So kommt Sartre ins Spiel.
Unter all den Dummheiten, die dieser Mann nach der Absolvierung der französischen Oberstreberschule geschrieben hat, gibt es auch Fieses. Ganz besonders ist dies die Figur des Autodidakten in "Der Ekel". Der sei dumm, meint Sartre, denn er arbeite sich in alphabetischer Ordnung am Buchwissen empor (ja ja, das geht gegen die Enzyklopädisten, aber doch so nicht) oder entlang. Der Clou kommt gegen Ende, wenn der beflissene Selbstlerner sich sabbernd an einen Jungen heran macht und aus der Bibliothek fliegt. Na klar, wenn einer nicht in (der richtigen) Schule gesessen hat, um den Meistern zu lauschen, nimmt es ein schlimmes Ende.
Die Philosophie ist zwar in Deutschland zu Hause. Deshalb mag man sie da aber noch lange nicht. Schon Humboldt oder wer da unter, vor oder nach ihm das preußische Gymnasium (im Kulturvergleich in den "Buddenbrooks") reformiert hat, wollte sie nicht in der höheren Lehranstalt haben. Deshalb ist sie auch heute nicht da. So kommt Sartre ins Spiel.
Unter all den Dummheiten, die dieser Mann nach der Absolvierung der französischen Oberstreberschule geschrieben hat, gibt es auch Fieses. Ganz besonders ist dies die Figur des Autodidakten in "Der Ekel". Der sei dumm, meint Sartre, denn er arbeite sich in alphabetischer Ordnung am Buchwissen empor (ja ja, das geht gegen die Enzyklopädisten, aber doch so nicht) oder entlang. Der Clou kommt gegen Ende, wenn der beflissene Selbstlerner sich sabbernd an einen Jungen heran macht und aus der Bibliothek fliegt. Na klar, wenn einer nicht in (der richtigen) Schule gesessen hat, um den Meistern zu lauschen, nimmt es ein schlimmes Ende.
Nichtschüler
Dass Schulen besonders nützliche Einrichtungen seien, außer zur Vorbereitung aufs Büroleben, davon hat mich ja bis heute niemand überzeugen können. Vor allem das deutsche Gymnasium ist sicher kein besonders überzeugendes Exemplar. Ich habe ja damals das Abitur auch nicht dort, sondern als Nichtschülerreifeprüfung in Berlin abgelegt. Das war, nachdem man mich in der Schule mit Dingen wie 25%-Prozent-Klauseln belästigt hatte, ein großes Aufatmen.
Niemand will bei so einer Prüfung etwas von dir wissen, außer dem, was du kannst und gelernt hast. Seinerzeit in acht Fächern: Du schreibst auf, was du gemacht hast, schickst das ein und wirst dich dann, wenn sie dich zulassen, am soundsovielten als derundder da vorstellen und befragt werden. In drei Wochen ist alles überstanden.
Um so eine wunderschöne Einrichtung ausnutzen zu dürfen, musst du allerdings mindestens 19 Jahre alt sein. Weil sie natürlich Angst haben, andernfalls würden Scharen entnervter Sechzehnjähriger aus ihren Schulen weglaufen und auf diesem Wege ihr Glück suchen.
Dass ich überhaupt davon wusste, verdanke ich meinem verehrten Lehrer Fritz Achelpöhler. Niemand hängt Wunder an die große Glocke.
Niemand will bei so einer Prüfung etwas von dir wissen, außer dem, was du kannst und gelernt hast. Seinerzeit in acht Fächern: Du schreibst auf, was du gemacht hast, schickst das ein und wirst dich dann, wenn sie dich zulassen, am soundsovielten als derundder da vorstellen und befragt werden. In drei Wochen ist alles überstanden.
Um so eine wunderschöne Einrichtung ausnutzen zu dürfen, musst du allerdings mindestens 19 Jahre alt sein. Weil sie natürlich Angst haben, andernfalls würden Scharen entnervter Sechzehnjähriger aus ihren Schulen weglaufen und auf diesem Wege ihr Glück suchen.
Dass ich überhaupt davon wusste, verdanke ich meinem verehrten Lehrer Fritz Achelpöhler. Niemand hängt Wunder an die große Glocke.
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