domenica 25 giugno 2017

Das goldene Zeitalter der vollständigen Bahnhöfe

Wenn wir irgendwo einer Zahlenreihe begegnen, denken wir traurigen Ritter zur kühnen Bewerbung naturgemäß unwillkürlich an das, was die Leute Intelligenztests nennen. Das sind nun allerdings Übungen von einem Schwierigkeitsgrad, welcher auch einem Psychologen zugänglich ist, also etwas wie 17, 1, 16, 1, 15 oder 1, 1, 2, 3, 5, 8, was ja gar bei Dan Brown vorkommt. 

Im wirklichen Leben, oder wie man das nennen soll, gibt es sehr viel anregendere Zahlenreihen, nicht nur für Intelligenzmeier vermutlich, sondern auch für einfache Wegsuchende und Dämel wie unsereinen.

Im Bahnhof Fulda habe ich 1, 6-9, 36-38 gesehen, aber kein 10-35 war da. Da haben 36. 37, 38 doch etwas Trauriges oder Anrührendes.

Der wunderlichste Bahnhof ist der von Osnabrück: es sind eigentlich zwei, welche senkrecht zueinander stehen.

Gleise 1-5 sind oben, Gleise 11-14 und dann 19 unten. Da freut sich die Einbildungskraft und beginnt mit ihrer Arbeit. Wo mögen Gleise 15-18 verblieben sein? Weggelaufen? Ganz zu schweigen von diesen sozusagen heimlich verschwundenen 6-10. Womöglich weggerutscht. Geraubt. Entflogen.

Mir nichts, dir nichts dichtelnd durchfahren wir das deutsche Land, wenn nur kein Psychologe in der Nähe ist und kein Test. Ein Bahnhof tut da vieles. Das Reich, in dem alle Gleise da wären, wäre in der Vergangenheit oder in der Zukunft zu vermuten. 





Kaputt machen, θαυμάζειν (Der neuste Mensch und ich, Teil 2)

Ein Geschenk eines Freundes meiner Eltern, der Mann arbeitete nach, wie man ja sagt, verschiedenen Ausrutschern in einer Kläranlage und nicht in einem blöden Büro wie mein Vater, war ein kleiner Elektromotor: Magnet, mit Kupferdraht bewickelte Rolle, zwei Kabel dran, fertig. 

Mit diesem hinzugekommenen Herzstück meines Metallbaukastens ließen sich Propeller bewegen, wurden Kräne lebendig, jedenfalls im Prinzip, oder das Ding surrte einfach nur so vor sich hin, so lange die Batterie reichte. 

Die Ehrfurcht vor so viel Leben in der Bude hielt mich aber, als ich einmal endlich wissen wollte, was hinter der Bewegung steckte, nicht davon ab, eines Tages die ganze Spule abzuwickeln: darunter war übrigens nichts, und den Kupferdraht, mehrere Meter! kreuz und quer durch mein Zimmer zu verspannen, etwas oberhalb meines Kopfes. Danach kam erstens meine Mutter nicht mehr ins Zimmer, was ein wenig Ärger verursachte, und hatte ich zweitens verstanden, dass das Geheimnis der Bewegung irgendwo zwischen Magnet und Drahtwickel stecken musste und nicht dahinter.

Ganz etwas Ähnliches tat ich mit einem dieser damals laut tickenden Wecker in meinem Zimmer. Darin fand ich ein ganz leichtes feines Rädchen, das sah aus, wie Rätselhaftes auszusehen hat. Den Wecker treibt die Unruhe. 

Wer was kaputt machte, lernte was; wer nicht, der nicht. 

Vor ein paar Jahren habe ich das Gehäuse eines heruntergewohnten Computers aufgemacht. Was war darin? Wieder Gehäuse, kleine Blöcke, Schächtelchen. Nur wieder Oberflächen und man guckt nicht rein, nirgends. 

Stell dir nun vor, so eine Blage von heute nähme ihr iphone auseinander. Nichts. Eine Welt aus Plättchen in Schächtelchen in Schachteln.  


sabato 24 giugno 2017

Anthropologische Änderungen

Wenn einer zufällig wirklich längere Zeit, sagen wir, auch nicht jünger wird, dann erlebt er hin und wieder etwas, was er Schlüssel- oder besser Wundermomente nennen möchte, wenn das gestattet ist. 

Genau könnte er sich dann nämlich an den Tag erinnern, als er das erste Mal so einen neuen jungen Menschen auf dem Handy mit einem flinken Daumen das hat schreiben sehen, was er selbst etwas später als SMS kennen lernen würde. 

Angesichts dieses hypermobilen neuen Daumens wäre er verblüfft gewesen, und hätte sich als Fremder gefühlt, was ja auch hin und wieder erstrebenswürdig sein könnte, wo ja nicht jeder gern irgendwo zu Hause ist. Das hat bekanntlich doch auch so seine Enge.

Nun gibt es seit einiger Zeit diese flachen alleseröffnenden Apparate namens iphone, mit einem deutungseinladenden I davor. Jetzt steht einer da vor so einem sechs- oder siebenjährigen, ich sag mal: Lümmel, und sieht wiederum staunend zu, wie dieser mit solch einem pflegebedürftigen und an Tritten sofort wegsterbenden Hochpreisgerät nicht nur hantiert, sondern auch spazieren geht oder den U-Bahn-Ausgang versperrt. 

Hätte unsereins mit sechs der sieben so etwas in die Hände bekommen, wäre es nach ein oder höchstens zwei Stunden zu Boden gefallen, wäre zerschlagen oder ertreten, oder aber, wie etwa die zarten Porzellanfigürchen meines Nazi-Großvaters, irgendwo ganz weit weg verstaut worden.

Nicht so bei denen von heute. Der neuste Mensch ist behutsam, wenn was was kostet, und trägt es schonend durch ein Alltagsleben, welches nun seinerseits etwas von dieser Behutsamkeit oder solchem Vorsichtigtun an sich haben muss. Wie sie miteinander umgehen mögen, diese neuesten?

lunedì 12 giugno 2017

"Ich lese. Und du?" ‒ in Gesellschaft eines guten Buches

Das ganz Traurige ist ja, dass die vom Fernsehen nie zur Verteidigung unserer Buchkultur Beiträge geleistet haben. Bei den Italienern von Mediaset ("Io leggo ‒ e tu?") könnte man sich da einmal eine Scheibe abschneiden. "Wenn ich ein Buch lese, mache ich die Augen zu und lasse mich in eine Traumwelt versetzen", sagt eine Fernsehmoderatorin und das überzeugt auch ganz, ganz buchferne Zuschauer.
"In der Gesellschaft eines guten Buches", könnte da in Deutschland der Dieter B. oder die Helene F. oder die Gina W. oder sonst etwas erklären, "wird mir ganz atemlos" oder "brauch ich aufm Klo keine Extrarolle mehr". Das wäre kulturell hilfreich.
Zu denken ist hier auch an eine Staffel des nagelneuen Formats "Deutschland sucht den Superschreiber" (DSSS). "Wenn einer so schreibt wie du, geht das Papier freiwillig zurück in den Wald", träume ich da. 
Wo man in Deutschland so schreiben und so auch auf der Universität studieren kann, damit das was Richtiges wird, da, da sollte das Fernsehen ein Übriges und Seiniges tun. 

sabato 10 giugno 2017

Immer zwei, entweder/oder

Schon bei Dante wird die Gegenüberstellung von heute und gestern zum System (Purg. XVI). Dass er ein drittes nicht recht bedenkt, nämlich die Zukunft, ist aus seiner Sicht verständlich. Im Jenseits gibt es keine Zukunft. Doch wenn dann Weber traditionelles Wirtschaftshandeln und modernes gegeneinander hält, könnte es sich doch fragen, warum da kein drittes auftrete. Das, was morgen käme, wäre für den Soziologen einfach Verlängerung der Gegenwart. War Tönnies da vorsichtiger? Gemeinschaft gegen Gesellschaft, immerdar? Wieder nur zwei. Und die Nazis dann haben seine Begriffe wieder aufgenommen und die Communitarians in den Neunzigern wieder. A gegen B, B gegen A. "Wenn ich dann noch traurig bin, fang ich an von vorn" (Heinz Erhardt). Es ist ein wenig so, als würden wir uns in einem Wasserglas den Kopf einrennen. 

In der Linguistik ist es genauso. Entweder ein e ist offen (ä) oder es ist geschlossen (e). Ausgeschlossen ist da jede Abstufung, wie wir sie im Sprechen natürlich haben. "Interessiert nicht", sagt der Linguist, welcher im Übrigen auch unterscheidet zwischen Parole und Langue. Welches letztere nur eine Idee der Sprachforscher ist, so ein Gedankennetz, oder aber wirklich da, nämlich mit der Kompetenz verbunden, welche der Performanz gegenübersteht. Man braucht nicht Hegel zu sein, um zu sehen, dass auch eine ganz andere Sicht dieser Dinge möglich wäre. Etwa, dass beide in gewisser Weise auch dasselbe seien, so wie Sein und Nichts. Es gibt ja keine Kompetenz ohne Material drin, das ist Performanz, und es gibt keine Performanz, die nicht zugleich immer schon auch regelsetzend oder -bekräftigend wäre. Dann ginge es weiter mit ... was?


Auf dem Fußboden, Europa

Im Dom von Siena gibt es auf dem Fußboden ein Bild von Sokrates.  Sapientia reicht ihm den Palmzweig, dem Märtyrer des Christentums. Er selbst hat ein Buch in der Hand.
Das ist natürlich alles falsch. Mit Christus hat Sokrates naturgemäß nichts zu tun. Er liest und schreibt ja auch keine Bücher. 

Er ist aber ein Buchmensch. Er lebt in Büchern und durch Bücher und im Namen eines Buches, des Buches, vollzieht sich hier der wunderbare Geschichtsraub des Rinascimento. Dies: im Buch und durchs Buch und im Namen des Buchs, ist, was Europa gewesen ist. 

Es gibt nun auch heute noch Bücher. Wie es ja auch noch die Briefpost gibt. 



giovedì 8 giugno 2017

Zwiebelland

Hatte auf Psychologin getippt. Schmales Gesicht, stumpfer Blick, rote Brille zu blonden Haaren. Ihr (geliehenes!) Buch hatte aber den Titel "Poetologische Lyrik". Zauber. Eine Schachtel- oder Zwiebelkunst wie diese! Vergleichbar mit Künsten wie richtungweisendes Wegfinden oder geschmacksbildendes Kochen. 

Sagt ja auch Valerio: Da sind wir schon wieder auf der Grenze; das ist ein Land, wie eine Zwiebel, nichts als Schaalen, oder wie ineinandergesteckte Schachteln, in der größten sind nichts als Schachteln und in der kleinsten ist gar nichts. 


Vorstellungsgespräche, universitär

Fünf Menschen sitzen da vor dir, während du über geeichte Prüfungen oder Textlinguistik schwadronierst. Drei dieser fünf verstehen kein Wort. Sie haben nämlich gar nichts mit dem zu tun, was du da können können solltest. Sie sind trotzdem zuständig in einem Sinne, welcher sich vermutlich vom Innern her erschlösse. 

Es handelt sich da etwa um eine Vertreterin des Personalrats, die sehen möchte, ja was? Ferner eine Gleichstellungsbeauftragte, wegen der Diskriminierungsmöglichkeit (aber was macht sie da?). Schließlich eine Dame von der Personalstelle, welche sachdienliche Fragen zur Persönlichkeit des Bewerbers stellt. Das sind seit geschätzten fünfzig Jahren dieselben, man hat da also auch seine Tradition, so, und studiert auch. Da fragt sichs zum Beispiel: "Sind Sie eher ein Teamarbeiter oder ein Einzelkämpfer?" oder "Was sind Ihre Schwächen?" Ich hatte aber auch schon "Welche übernatürlichen Fähigkeiten haben Sie?" weil da offenbar einer in den States studiert hatte, was ja auch sua sporca figura macht.

Natürlich sind das am Ende viel zu wenig. Erstens sollte auch Reinigungspersonal dabei sein, sonst stellen die da wieder so ein' Schweinigel ein und merkens gar nicht. Der Mensabeauftragte sollte sich schon auch nach den Gewohnheiten erkundige, ob da einer so hineinfügungswillig sei betreffs des Angebotenen. Schließlich ein Hausmeistereiabgesandter, wegen Überstundenrisiko. 

Am Ende kämen gut und gern zehn zu Tode gelangweilte Menschen zusammen. In Deutschland nennt man so etwas eine Party. 

mercoledì 7 giugno 2017

Präposition und Artikel, nordisch

Wo man auf die Frage, wo dies oder das sei, "umme Ecke" antwortet, das ist eine der Gegenden, in denen ich mich zu Hause fühle. Es gibt deren drei, aber das macht ja nichts, das ist heute so. Eher störend mag es hingegen anmuten, dass die Verschmelzung von Präposition um und Artikel die in keiner deutschen Grammatik zu finden ist. Was wunders: Institut für deutsche Sprache und alle anderen, welche mit so etwas ihr Geld verdienen, sind irgendwo zwischen Stuttgart, Mannheim und München tätig, und so ist zwar "ich bin da gestanden" zu akzeptieren und alle Deutschschüler reden heut im Perfekt, wenn was vorbei ist, aber "anne" (an der/die) gibt es nicht.

Zeit, sich zu wehren. So von Norden her.




lunedì 5 giugno 2017

Ach, nee -- ach ja. Zum Tage

Don Giovanni in der Scala, Anett Fritsch als brausende Donna Elvira, die kommt dann als Reisende, Verfolgerin auf die Bühne zurück und was hat ihre Dienerin an den Händen? Zwei Trolleys. Ach nee, haha. Don Giovanni raucht da ja auch, ach so. 

Am nächsten Tag mietet einer einen Lastwagen und fährt irgendwo in eine Menschenmenge. Ach nee?

The University of Helsinki is among the best in the world. Mit Ausrufezeichen. So so. Ach ja.  

Es ist ja doch so, dass Leute mittendrin schon oder im Jenseits erst für alles Mögliche bestraft werden, aber nicht für Langeweile. 




domenica 4 giugno 2017

Höhere Bildung

Beschädigte stellen den Geist hier. Sie laufen als krumme Wissensschatten herum. 

Von ihrer Angst sprechen sie nicht. Sie wissen nie genug, stellen nie alle Studenten zufrieden, müssten eigentlich auch mehr veröffentlichen, jedenfalls irgendwo auftreten oder vorsprechen, auch etwas organisieren, wenigstens ein Abendessen mit den Richtigen, übrigens auch etwas für irgendeine Qualitätskontrolle oder eine Implementierung tun und vielleicht hat irgendwer in der weiten Welt, die es ja doch zu geben scheint, irgend wann einmal die besseren Beziehungen und bumsti, sie sind draußen.

So schleichen sie lächelnd über die Gänge, der Jugend zur Freude.