domenica 16 aprile 2017

Missverstehen

Wenn ich in Münster war, fuhr mein Onkel Sepp gern mit mir in die Stadt, wie es ja heißt. Dort gab es das Rathaus zu sehen, in dem zwei Drittel des Westfälischen Friedens abgeschlossen worden sind, und, oben am Turm der Lambertikirche, drei Käfige, in denen seinerzeit die toten, wie ich heute weiß, Wiedertäufer ausgehängt wurden. Nur wusste ich damals nichts von der Geschichte und verstand nur immer Wiederteufel oder Widerteufel, was mein achtjähriges Gehirn doch recht ordentlich in Gang brachte. Die ersteren wären ja schon beunruhigende Gestalten gewesen, bei letzteren war nicht klar, warum man sie hätte aufhängen sollen.

So sind Missverständnisse dem Geist eine Freude, während Sichverstehen doch oft etwas Schläfrigkeitsbewirkendes hat.

Auch fremde Sprachen können da anregend wirken. Hier, wo ich im Moment noch wohne, trägt eine Bushaltestelle, so dachte ich jedenfalls, den Namen "Ziegenarsch". Als ich verstand, dass das hiesige Ziekenhuis eigentlich ein Siechen- also Krankenhaus sei, flappte meine Einbildungskraft ganz lustlos in sich zusammen.

Was ich alles weiß

Jetzt im Garten fiel mir auf, dass da jemand die Rosen nicht geschnitten hatte. Ich bot mich an, das zu erledigen. Woher ich aber weiß, wie man (die bekanntesten) Rosen schneide? Nach längerem Nachdenken erst kam ich darauf. Mein Onkel Sepp hatte es mir erklärt. Da muss ich acht oder neun gewesen sein. Er nahm mich mit in seinen kleinen Rosengarten und erklärte es mir. Offenbar musste in seinen Augen ein Mann so etwas wissen. Ob er damit Recht hatte, kann ich nicht sagen. Dieser Onkel, der eigentlich ein Großonkel gewesen wäre, aber das auch nicht war, war einer dieser Männer, welche einem Jungen die Welt erklärten. Gibt es diese Hausmeister und Bauernknechte und falschen Onkel noch? Vermutlich sind sie ausgestorben und Kinder auf Schule und dergleichen angewiesen.

Ein Abweg

Das Verleitende bei diesem Fotoaustausch über Plattformen kommt vielleicht von unserem Fehler, bei einem Bild immer anzunehmen, es gebe etwas, wie man sagt, zu sehen, also etwas, worüber jeweils zu denken oder zu sprechen sei. Noch jedes blöde Selfie lebt von dieser Annahme. 

Alles hängt doch letztlich am Wort oder, wie wir auch sagen könnten: worüber wir keine Worte machen könnten, das wäre nicht da. 

Nackt sein, erscheinen

Rhetorik-Kurs. Die Studenten schlagen Free the Nipple als Gegenstand ihrer öffentlichen Debatte vor. Mir scheint das nicht so überaus aufregend. "Für Ihre Generation ist es das auch nicht", bemerkt eine, "aber für uns". Recht hat sie. Aber warum?

Unsereiner entledigte sich, wenn er vielleicht im Flughafensee oder in irgend einem Teertümpel in Westberlin baden wollte, stracks seiner Kleidung und sprang hinein. Badehose? Wozu? 

Ob sich jemand an dieser Nackerei gestört hat, weiß ich nicht. Jedenfalls hat niemand etwas gesagt. Wir wären allerdings auch nicht auf den Gedanken gekommen, uns da so naturgewandet zu fotografieren und die Bilder dann Großtanten, Cousins, vergessenen Schulkameraden oder Nachbarn oder der ganzen Uni zu zeigen, und was sonst Facebooker und solche Menschen mit Friends und Followers meinen. 

Der einzige, der da einmal Fotos machte, war ein dicker türkischer Herr im Mantel, welcher denn auch gleich mit der aufschlussreichen Bemerkung: "Meiner ist sowieso länger!" weggescheucht wurde.

Fotos machte man zur privaten Erinnerung. Aber eigentlich war das auch eher was für langweilige Leute. Wer wollte schon Bilder? Außer irgend einer Tussi, die plötzlich eine Spiegelreflexkamera kaufen musste, weil sie so was wie künstlerisches Fotografieren auch können wollte. Was sie dann aber bald aufgab. So einfach war das auch wieder nicht. Und begeisterte auch keinen. 

Was wäre also geschehen, wenn uns plötzlich ein Dutzend I-Phones auf die Wiese geplumpst wäre? Nichts, vermute ich. 



Keiner da

Ein Spaziergang in Heidelberg ist ja, wenn einer nicht gerade von anderen Besuchern zerdrückt oder eingestampft wird, schon deshalb erheiternd, weil es sich dort so schön auf Denkmäler und Gedächtnistafeln aller Art stößt. Bunsen und Iqbal und Max Weber, alle waren nämlich hier und daran erinnert man gern. 

Ein Spaziergang in Bielefeld könnte dann, wenn es überhaupt Gründe für solch ein Tun gäbe, enttäuschend ausfallen. Denn dort stößt uns niemand mit der Nase auf die Tatsache, dass in der freundlichen Stadt am Teutoburger Wald immerhin  Niklas Luhmann und Reinhard Koselleck geforscht und gelehrt haben, abgesehen von Bielefelder Historikern im Allgemeinen und Reformpädagogen und wer weiß wer noch. Die Universität ist eben nicht drin in der Stadt, sondern draußen, ein vollkommenes, in sich abgeschlossenes Städtchen für sich. Da weiß man in der Stadtmitte nich von, will auch gar nichts wissen.