venerdì 27 gennaio 2017

Bayerische Elite

Es gibt da auch, schau an, ein "Bayerisches Eliteförderungsgesetz", kurz "BayEFG" (vom 26. April 2005), wozu man sich aber bitte nicht selbst vorschlägt. Da muss erst einer den Verdacht haben, ich oder du könne bayerische Elite sein, und zwar nicht irgendwer, da könnte ja ein jeder Doktorand daher kommen.  Das muss mein oder dein Betreuer machen: "Vorschlagsberechtigt sind Personen, die Dissertationen und weiterführende Forschungsprojekte an Hochschulen und Forschungsinstitutionen in Bayern betreuen". Ja ja, man braucht kein rechter Bayer zu sein, man muss aber im Lande studieren! Ohne Opfer geht halt gar nichts. 

Aber wie komme ich dann rein? Durch ein geniales Vorhaben? durch eine Witz oder Gift und Geist und Galle verspritzende Magisterarbeit? Den Exzellenztest vielleicht? Keine Rede. Da muss einer "durch weit überdurchschnittliche Studien- und Prüfungsleistungen eine besondere Befähigung zu wissenschaftlicher Arbeit erkennen lassen". Also angenommen, einer will über Frank Wedekind promovieren. Da muss er schon sehr gute Noten auch in der Mittelhochdeutsch-Prüfung und im Seminar über Hartmann von der Aue bekommen haben, denn sonst ist der keine Exzellenz nicht. Das Gesetz könnte schmerzlos in BayStrFG umbenannt werden. Was ein Streber ist, weiß wenigstens ein jeder. "Elite" klingt doch eher nach einer Schokoladen- oder Mineralwassermarke. 



Streberland

Die Sauna ist, wenn die Leute nicht, wie in Deutschland, ihre Ruhe haben wollen und mit einem "Shht!" jede Konversation unterbrechen, ein Ort, an dem wir, nackend, wie wir sind, anderen uns zeigen und Fremden zuhören können.

In Italien habe ich in so einer Schwitzstube einen Verkäufer kennen gelernt, der mir auf die Auskunft, ich sei Deutscher, stracks erklärte, wie er deutsche Verkäufer zu verunsichern gelernt habe. Was so ein Verkäufer weiß, ist Ethnologen oder Völkerkundlern normalerweise nicht bekannt, es sei denn, sie gingen in die Sauna, aber dann dürften sie es nicht aufschreiben, weil das wissenschaftlich und auch sonst unethisch wäre, so viel ich weiß. 

Mit Franzosen, erklärte besagter Saunagänger, sei die Sache schon einfach. Er nenne einfach ein literarisches Werk, welches sie ganz sicher nicht kennten, und behaupte, tout le monde spreche seit Wochen darüber. Das bringe einen Franzosen gänzlich aus dem Häuschen, dass er so ein wichtiges literarisches Werk nicht kenne.

Bei den Deutschen lasse er sie erst "ihren ganzen Mist, den diese Secchioni natürlich auswendig gelernt haben", aufsagen. Dann bitte er sie schüchtern, die Sache noch einmal zu erklären, weil er, der geistig weniger flinke Italiener, leider nicht ganz verstanden habe. "Wenn ich das zweimal gemacht habe, sind sie weich, weil sie einfach jedesmal alles wiederholen, obwohl sie sich ganz dumm dabei fühlen", erklärte er mir. So macht man das mit Secchioni, Strebern. 

Weniger Schule

Bei all diesen  schönen Kollegs oder auch Doktoratskasernen kommt mir manchmal der Gedanke, etwas weniger Schule überall wäre auch nicht schlecht. Wer hätte denn wem unablässig so furchtbar viel beizubringen? 

Unter den Grundschulen, die ich habe besuchen müssen oder dürfen, gab es noch eine dieser freundlichen Einrichtungen, die schon damals, verächtlich oder romantisierend? Zwergschulen genannt wurden. Es war in Rath bei Nörvenich, einem Dorf mit vielleicht 400 Einwohnern. 

Da saßen wir, alle neun Klassen, in einem Raum beieinander, und der Lehrer kümmerte sich jede Stunde etwa fünf Minuten um jede der Gruppen von zwei bis vier Personen, die jeweils einen Jahrgang bildeten. Das heißt, er erklärte oder korrigierte etwas, gab eine Aufgabe für die nächsten vierzig Minuten und ging weiter. Im Großen und Ganzen hatten wir unsere Ruhe. Wenn wir nur die Übungen zügig erledigten, blieb immer noch Zeit zum Nachdenken oder Malen oder Träumen, was doch eigentlich sehr bildungsfördernde Tätigkeiten sind. 

Um Punkt zwölf war alles vorbei. Hausaufgaben gab es nie und ich habe mich auch später nie an so etwas gewöhnen können. 

Es muss wirklich eines der letzten dieser Institute gewesen sein. Nach einem Jahr dort ging der Lehrer in Pension und wir wurden fünf Kilometer weiter in eine moderne Schule geschickt. Das war auch nett, aber unsere Lehrerin erwartete, dass wir uns unablässig um sie kümmerten.

Übrigens hatte ich zuvor ein halbes Jahr lang gar keine Schule besucht. Unsere neue Wohnung war noch nicht frei, die alte aber schon gekündigt: so kam es, dass ich im Sommer mit meiner Mutter auf den Bauernhof meiner Großmutter zog. Als die Sommerferien zu Ende waren, gingen meine Cousins und Cousinen wieder brav in ihre Schule. Ich nicht. Ich diskutierte mit dem Herrn, welcher damals nur "der Knecht" hieß, half beim Ausmisten und trieb abends die Kühe in den Stall. Ich lernte Trecker fahren (naja, beim Pflügen ...), erfuhr, dass man im Schweinekoben besser nicht läuft, staunte über die seltsamen Gebräuche der Jäger, erschrak über die lange Reihe toter Tiere, denen mit Hörnern ein Lied gespielt wurde. 

Weihnachten war ich immer noch auf dem Hof. Bald danach habe ich vermutlich meine Schullaufbahn wieder aufgenommen. Diese halbjährige Abwesenheit scheint mir aber danach in keiner Weise geschadet zu haben, weder in der Schule noch im Leben.  

Vorher wissen

Ich habe einmal einen Soziologieassistenten kennen gelernt, der gab an, seine Doktorarbeit schon fertig "in der Schublade" zu haben. Kurz vor Ablauf seines Vertrages als Assistent (WiMi) wolle er einen Antrag auf Promotionsförderung stellen, erklärte er, welcher ihm, der "alle Punkte dafür" gesammelt zu haben glaubte, weitere drei Jahre friedlicher Forschung garantieren würde. 

Die Förderer würden überzeugt sein, eine Promotion zu ermöglichen, während der junge Mann in Wirklichkeit schon an seiner Habilitation arbeitete. Dann werde er, so seine Planung, alles ganz schnell hinter einander einreichen und veröffentlichen. "Das gibt Punkte", erklärte er mir. 

Etwas Ähnliches geschieht heute bei der Graduierten und Forschungsgemeinschafts-Forschung. Zunächst braucht man einen zehnseitigen Entwurf, dann darf man sich vorstellen. Und wenn man drin ist? Dann "verständigen" "die XZY-Mitglieder sich in einem ausführlichen internen Teil über die Zusammenarbeit wie auch die zentralen Veranstaltungen und Publikationen der folgenden Jahre". Die wissen natürlich schon, was sie in den folgenden Jahren veröffentlichen werden. Wenn sie es nicht wüssten, gäbe es kein Geld dafür. Irgendwie logisch.

Geheimnis und Graduiertenschule

Man sucht "exzellente Kandidaten", bietet in Giessen ein "exzellentes Umfeld" (wenn man sich das so vorstellte: das Umfeld ragt heraus?) und lädt ein: "Join an excellent team!" Lego-Land kann nicht weit sein, wo bekanntlich: "Everything is awesome ..". Ist es da nicht in gewisser Weise beruhigend, dass die Optik-Doktorschule in Karlsruhe nichts weiter als "First-Class Research, Education, and Innovation" anbietet? Die heißt übrigens KSOP, was für Leute, die sich mit Photonik beschäftigen wollen, ja noch anginge. Bei der SBGM geht es um Biologie, wie bei den meisten geförderten Dingen in Deutschland um Naturwissenschaft und Technik, doch auch Literarisches kommt abgekürzt daher: GCSC, GSPoL, FSGS. Letzteres Kürzel führt Friedrich Schlegel als FS mit. Nur keine Umstände. 

Die Glaspaläste, in denen Geld und junge Leute verschwinden, tragen rätselhafte Buchstabenfolgen, aber da wohnt kein Geheimnis.