Versetzte ein Zauberstab oder die Macht der Liebe oder sonst eine Gewalt einen deutschen Studenten oder Magister gar in ein Museum irgendwo zwischen Stuttgart und Venedig, sagen wir, vor Giovanni Bellinis Pietà, dann würde dem vielleicht der Kinnladen herunterklappen, er selbst aber sicher nicht viel sagen als "Oh". Fügte er noch ein "spricht mich an" hinzu oder "sagt mir nichts", wäre das schon ein Überschuss an Beurteilungskraft oder Verständigungsleistung, bedeutete jedoch auch nichts weiter als nichts.
Nach einem deutschen Gymnasium hat einer nämlich nichts zu Bildern von 1505 anzumerken, zu jüngeren Erzeugnissen europäischer Genies übrigens auch nicht, es sei denn, seine Eltern hätten ihn mit dergleichen bekannt gemacht.
In deutschen Oberschulen kommt Kunstgeschichte nicht vor, und was da Kunst heißt, ist nicht mehr als ein anderthalbstündiges Herumgemurkse mit verschiedenen Materialien und Geräten. Voll Bangen erinnere ich mich heute noch an meine Versuche in der Technik des Linolschnitts. Kunsterziehung statt Kunstgeschichte, das kann auch lebensgefährlich sein.
Der Untergang hat hier im Norden, wie eigentlich immer alles außer dem Steinhäuserbauen und dem Faschismus, eben früher angefangen als im Süden. Nur sollten sich Italiener keinen Täuschungen hingeben. Wenn hier wer untergeht, dann alle zusammen. Darum hat ja auch schon die dortige Kultusministerin G Unterricht in Kunstgeschichte an Tourismusschulen abgeschafft. Das ist in einem Land, in dem im Wesentlichen, von der Toskana einmal abgesehen, nichts Touristen anzieht als das meistens gute Wetter und jede Menge Kunst, auch eine Entscheidung.
mercoledì 22 febbraio 2017
Schreib drauf, was es ist
Stell dir vor, mitten zwischen zwei grauen Straßen sei so ein grüner Rasenstreifen sichtbar nicht nur, sondern auch erklärt. Ein kleines Schild sei da hineingepflanzt, auf dem stehe "Verde pubblico", also in etwa "Staatsgrün" oder "Volkseigenes Grün". Das hätte doch so etwas Beheimelndes, weil du wüsste, dass sich da jemand Gedanken gemacht habe ums Grün und um dich. Und wenn das Grün dann, wegen Wassermangels, so viele Gedanken will man sich ja auch wieder nicht machen, eben vertrocknete und nur noch so ein tokyoter Kaiserparkgelb oder Braun zurück bliebe, stünde "Verde pubblico" immer noch da und gäbe zu denken. So eine Beschriftung und Erklärung hat doch etwas Erbauliches.
Wenn du heute noch ein Poster kaufen wolltest, also nicht so was mit einem Youtuber oder Disneysänger drauf, sagen wir: anerkannte Kunst, würdest du feststellen, dass jetzt, anders als früher, jeweils draufgedruckt ist, um wessen Werk es sich handle. Offenbar will sich niemand mehr so ein gemaltes Witzchen von Paul Klee ins Zimmer hängen, wenn unten nicht Klee draufsteht, und zwar in Großbuchstaben. Denn wer weiß schon von alleine, ob so was richtig Kunst sei? Stell dir so eine Ferkelei von dem Schiele im Wohnzimmer vor, wenn da nicht druntersteht, das sei aus dem Bellevue und von nem Künstler.
Einzige Ausnahme ist bis heute Klimt. Dessen Rot- oder Grüngoldbilder, oder was es sei, putzen ganz ungemein, möchte man sagen, und das weiß noch jeder, was das sein soll.
Wenn du heute noch ein Poster kaufen wolltest, also nicht so was mit einem Youtuber oder Disneysänger drauf, sagen wir: anerkannte Kunst, würdest du feststellen, dass jetzt, anders als früher, jeweils draufgedruckt ist, um wessen Werk es sich handle. Offenbar will sich niemand mehr so ein gemaltes Witzchen von Paul Klee ins Zimmer hängen, wenn unten nicht Klee draufsteht, und zwar in Großbuchstaben. Denn wer weiß schon von alleine, ob so was richtig Kunst sei? Stell dir so eine Ferkelei von dem Schiele im Wohnzimmer vor, wenn da nicht druntersteht, das sei aus dem Bellevue und von nem Künstler.
Einzige Ausnahme ist bis heute Klimt. Dessen Rot- oder Grüngoldbilder, oder was es sei, putzen ganz ungemein, möchte man sagen, und das weiß noch jeder, was das sein soll.
Ravioli für Millionäre, Barbaren (1)
Einmal habe ich wirklich mit einer italienischen Multimillionärin gesprochen, oder etwas Ähnlichem, ich kenne die Feinheiten da nicht auseinander, die behauptete, ab und zu Österreicher zu Gast zu haben, andere Multimillionäre, nehme ich an, denn Leute wie mich laden die nicht ein. Für diese österreichischen Gäste hole sie, erklärte sie, das Tafelsilber hervor, denn wenn kein Silber auf dem Tisch läge, würden die nöckelig.
Das Essen für solchen Besuch, vor allem aber die Ravioli oder Tortellini oder was sie als Pasta servieren, kaufe sie im Supermarkt. Fertiges abgepacktes Zeug aus irgendeiner Fabrik. Denn die Österreicher, so die Multimillionärin, würden das sowieso nicht unterscheiden, was da auf dem Teller liege.
Das Essen für solchen Besuch, vor allem aber die Ravioli oder Tortellini oder was sie als Pasta servieren, kaufe sie im Supermarkt. Fertiges abgepacktes Zeug aus irgendeiner Fabrik. Denn die Österreicher, so die Multimillionärin, würden das sowieso nicht unterscheiden, was da auf dem Teller liege.
Amerika is wunderbar
1977 war ich in Kalifornien und habe dort, zugegeben: allein, vermutlich alle in diesen Shopping Malls hinter dem Teeladen und dem Porzellanverkauf auffindbaren Buchhandlungen besucht und dort mein Taschengeld für Bücher von Bertrand Russell ausgegeben, was sich dann, wie ich im Nachhinein feststellte, nicht gelohnt hat. Englische Philosophen der letzten zweihundert Jahre sind, wenn mir hier einen Verdacht auszudrücken gestattet ist, nicht ausgesprochen aufregend, wenn man von Coleridge absieht, und der war eigens nach Deutschland gefahren, und von Burke oder auch von Flann O´Brien, und das waren Iren.
Was mich damals dort verblüffte oder überraschte, war die Tatsache, dass diese Amerikaner das Philosophie-Regal nicht neben Geschichte oder Literatur aufgestellt hatten, sondern neben Religion oder, mein Entsetzen war groß, im selben Buchstand wie diese.
Heute, viele Jahre sind inzwischen ins Land gezogen, steht in jedem der deutschen Fußgängerzonen, den Citys, wie man das nennt, ein Laden, welche den Namen einer Muse trägt. An sich ist dagegen nicht viel zu sagen. Die erfreuende Euterpe könnte helfen, Grußkarten zu verscherbeln, Melpomene ist für Sarg- oder Waffenhandel zu empfehlen und Klio könnte ja auch eine Rolle Klopapier in der Hand halten. Dass nun ausgerechnet "hihihi"-Thalia Bücher verkaufen könnte, erschiene an sich eher unwahrscheinlich. Bei Hineingehen stellen wir denn auch fest, dass sie vor allem Geschenkchen anzubieten hat, etwa das, was man einem mitbringt, wenn einer einem egal ist. Doch im ersten oder zweiten Stock gibt es tatsächlich auch Bücher. Philosophie steht da unter Umständen zwischen "Weisheit des Orients" und "Religion".
Was mich damals dort verblüffte oder überraschte, war die Tatsache, dass diese Amerikaner das Philosophie-Regal nicht neben Geschichte oder Literatur aufgestellt hatten, sondern neben Religion oder, mein Entsetzen war groß, im selben Buchstand wie diese.
Heute, viele Jahre sind inzwischen ins Land gezogen, steht in jedem der deutschen Fußgängerzonen, den Citys, wie man das nennt, ein Laden, welche den Namen einer Muse trägt. An sich ist dagegen nicht viel zu sagen. Die erfreuende Euterpe könnte helfen, Grußkarten zu verscherbeln, Melpomene ist für Sarg- oder Waffenhandel zu empfehlen und Klio könnte ja auch eine Rolle Klopapier in der Hand halten. Dass nun ausgerechnet "hihihi"-Thalia Bücher verkaufen könnte, erschiene an sich eher unwahrscheinlich. Bei Hineingehen stellen wir denn auch fest, dass sie vor allem Geschenkchen anzubieten hat, etwa das, was man einem mitbringt, wenn einer einem egal ist. Doch im ersten oder zweiten Stock gibt es tatsächlich auch Bücher. Philosophie steht da unter Umständen zwischen "Weisheit des Orients" und "Religion".
Fragment zum Untergang
Der genaue Zeitpunkt eines Untergangs ist wohl nicht immer leicht zu bestimmen. Ich stelle mir so ein Schiff vor. Wasser dringt ein, es bekommt Schlagseite, oder das Heck geht unter und der Bug ragt in die Höhe: da ist es ja schon so gut wie weg, das Wasserfahrzeug; obwohl andererseits selbst, wenn es vollständig unter Wasser liegt, innen noch eine Luftblase den Fahrgästen vortäuschen könnte, sie lebten weiterhin in annehmbaren Zustand, zumal die Aussicht aufregender geworden ist.
Solch ein Untergang ist eben ein lang dauernder und in Atem haltender Vorgang, und wie einer ihn sieht, hängt auch davon ab, wo er sich gerade befindet und was er sehen will. Auch der Untergang, sagen wir, eines Kontinents ginge ja in Schritten vonstatten. Unter Umständen ragt da noch längere Zeit eine Bergspitze hervor und auf der könnte einer sitzen, ein Buch in der Hand oder eine letzte Mohrrübe.
Meine Ausgabe der Athenäums-Fragmente stammt von 1962. Ich habe sie antiquarisch erworben. Ganz wie Blütenstaub ist diese Sammlung von Geistreicheleien in der Zwischenzeit vom Buchmarkt verschwunden. Weggeweht, möchte ich sagen. Ja früher, möchte ich hinzufügen, druckten so etwas rororo oder dtv.
Immerhin, der gute Reclam-Verlag bietet noch eine Ausgabe an, abgesehen von einem dieser Schlaumeier-Verleger, welche ohne weiteres so etwas Urheberrechtsfreies abdrucken und es, Foto drauf, weitergeben.
Im letzten Sommer war ich in einer deutschen Hauptstadt, da gleich am Bahnhof Charlottenburg, in einer Buchhandlung, einer richtigen, und fragte nach dem Werk der Schlegels und Novalis'.
Nicht vorrätig. Da aber offenbar der Buchhändler mein enttäuschtes Gesicht anklagenhaft aufgenommen hatte, und das könnte durchaus sein, denn so einen kleinen, dünnen, preiswerten, gelben Klassiker könnte oder sollte jemand wie er durchaus vorrätig haben, fügte er hinzu: "In meinen zwanzig Jahren als Buchhändler hat mich nie jemand danach gefragt!" Seit 1996 also.
1962 und 1996. Irgend wann dazwischen muss der Untergang begonnen haben.
Und wir atmen noch.
Solch ein Untergang ist eben ein lang dauernder und in Atem haltender Vorgang, und wie einer ihn sieht, hängt auch davon ab, wo er sich gerade befindet und was er sehen will. Auch der Untergang, sagen wir, eines Kontinents ginge ja in Schritten vonstatten. Unter Umständen ragt da noch längere Zeit eine Bergspitze hervor und auf der könnte einer sitzen, ein Buch in der Hand oder eine letzte Mohrrübe.
Meine Ausgabe der Athenäums-Fragmente stammt von 1962. Ich habe sie antiquarisch erworben. Ganz wie Blütenstaub ist diese Sammlung von Geistreicheleien in der Zwischenzeit vom Buchmarkt verschwunden. Weggeweht, möchte ich sagen. Ja früher, möchte ich hinzufügen, druckten so etwas rororo oder dtv.
Immerhin, der gute Reclam-Verlag bietet noch eine Ausgabe an, abgesehen von einem dieser Schlaumeier-Verleger, welche ohne weiteres so etwas Urheberrechtsfreies abdrucken und es, Foto drauf, weitergeben.
Im letzten Sommer war ich in einer deutschen Hauptstadt, da gleich am Bahnhof Charlottenburg, in einer Buchhandlung, einer richtigen, und fragte nach dem Werk der Schlegels und Novalis'.
Nicht vorrätig. Da aber offenbar der Buchhändler mein enttäuschtes Gesicht anklagenhaft aufgenommen hatte, und das könnte durchaus sein, denn so einen kleinen, dünnen, preiswerten, gelben Klassiker könnte oder sollte jemand wie er durchaus vorrätig haben, fügte er hinzu: "In meinen zwanzig Jahren als Buchhändler hat mich nie jemand danach gefragt!" Seit 1996 also.
1962 und 1996. Irgend wann dazwischen muss der Untergang begonnen haben.
Und wir atmen noch.
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