martedì 28 febbraio 2017

Riesen

sind rasend aufregende Erscheinungen in der Literatur. Bei Ariosto ist von einem der letzten zu lesen: "un orribil gigante / Che d’otto piedi ogni statura avanza. / Non abbia cavallier né viandante / Di partirsi da lui, vivo, speranza". Acht Fuß größer als alle anderen: lebendig wegzukommen gibt es keine Hoffnung. So einer gibt einem doch zu denken. Zwergriesen solle es auch geben, hatte Pulci erzählt, nur vier Fuß größer als unsereiner. 

Erst mit Swifts Blödeleien wird dergleichen aus der geschriebenen Welt vertrieben,  weil dann eh alles nur noch relativ ist. So ist es bis heute.


Wer jetzt überhaupt über solche Größen schreibt oder spricht, muss nun "Riesen und Riesinnen" betrachten. Warum nicht gleich RiesInnen? Wenn er dann hinzufügt, es sollten "Riesinnen und Riesen in einem interdisziplinären Zusammenhang verortet werden", also etwa: wo steht er denn, der Riese? dann bleibt einer doch lieber weg von der Konferenz, oder? 

Exzellenz

Nach einem zügigen Studium einen schönen Bürositz zu ergattern, könnte ja auch eine Freude sein. Nach dem exzellenten Besuch einer internationalen Spitzenuniversität oder wie die Dinger jetzt alle heißen, könnte das jedoch auch zu drückenden Enttäuschungsempfindungen führen. 

Klein sein will eben auch gelernt sein, und Schulmeisterleins Maria Wutz Lebens- und Freudenkunst wird nicht gelehrt, nicht im oberen Teil von Rankinglisten jedenfalls. 

Länger studieren

Herr Kierkegaard hat ja seinerzeit elf Jahre gebraucht, um sein Studium abzuschließen. Ich acht. Das könnten wir natürlich als Fehlinvestition verbuchen, denn ich bin nicht acht elftel von dem, was dieser dänische Philosoph oder was er sein wollte, gewesen ist und ist. Aber dieses kontenführende Denken war auch uns eben noch fremd. 

Heute müsste Kierkegaard kräftige Strafstudiengebühren entrichten und mehrmals eine Psychologin  besuchen, denn die sind heute auch für solche Um- und Abwege zuständig, welche wir meinerzeit noch der Bildung zugeschrieben hätten.   

Es kann einem nämlich immer einiges in den Weg gerollt sein, was einer dann umgehen oder überklettern muss. Es stirbt uns einer, oder eine große Traurigkeit umwölkt alles, wir wollen noch dies oder das lesen und begreifen oder, das war der Fall des Dänen, der Tod des Vaters muss erst abgewartet werden.

Heute haben die jungen Leute keine Zeit mehr für solche Abweichlereien. Drei Jahre plus zwei haben sie. Schon, wenn da ein Jahr mehr anfiele, wüssten sie, dass sie scheel angesehen würden. 

Heute haben sie auch Abgabetermine und Anwesenheitsverpflichtungen und Motiviertheitszumutungen, also all das, was später im Büroalltag auch von ihnen erwartete werden wird.  




lunedì 27 febbraio 2017

Nichtleser nach vorn!

Außer den Handschuhe für ihre Freunde strickenden Lehramtsanstrebenden, die sowieso nie etwas sagten, saßen in unserem Seminar auch andere Nichtleser, welche sich in jeder Sitzung zu, wie es damals hieß, spontanen Äußerungen getrieben fühlten. Zu Hofmannsthal Gedicht "Manche freilich müssen drunten sterben" bestand eine solche in der Frage, warum dieser Dichter denn nicht für eine bessere Welt demonstrieren gegangen sei, statt zu Hause zu sitzen und elitäre Gedichte zu schreiben. Das schien mir für eine Germanistikstudentin eine bemerkenswerte Frage zu sein, weshalb ich sie hier aufschreiben möchte.

Heute ist alles anders und wir haben die Inklusion. Zu lange hat die grausame universitäre Auslese junge Menschen hin- und weggemäht. 

Heute sitzen wir, möchte man doch sagen, alle im selben Boot, was allerdings, in gewisser Weise, schon Hofmannsthal geschrieben hatte. 


Aus dem Englischen

Unter den verschiedenen Verbrechen, deren sich ein Freiburger Philosoph schuldig gemacht hat, und das mindeste ist das an der deutschen Sprache nicht, wiegt das am schwersten, Hannah Arendt auf den Weg geholfen zu haben, und das gegen, vermutlich, geldwerten Vorteil. 

Die Dame ist dann, was um ihres Lebens willen ja zu begrüßen ist, in die States emigriert und hat dort außerordentliche Plattheiten geschrieben. Vermutlich hatte sie einfach keine Plato-Ausgabe dabei. Das kann natürlich passieren und könnte ja gleichgültig sein, aber wenn wer im Angelsächsischen durch schludrige Zusammenfassungen bekannt wird, dann plumpst dieser Wiederkäuer irgend wann auch auf uns im alten Europa wieder herab. Der Abendländer kratzt sich dann verblüfft den Kopf und betrachtet, was da vor ihm liegt. Was soll es schon sein? Philosophie mit Verkaufszahl. "Ein Genie!" 

Ähnliches ist, allerdings über Oxford, auch mit Isaiah Berlin geschehen, dessen "Magus des Nordens" für unseren stern- und blitzreichen Hamann ungefähr das ist, was Wikipedia für Hölderlin. Schwindelnde Dummheit, tiefes Unrecht. 

"Sentimentaler Penis-Dichter" und andere Vorwürfe

in irgendeinem dieser ja offenbar fast stündlich ausgeworfenen, wie es heißt: kleineren, und dann: Aufsätzen oder Essays, was nur dann dasselbe ist, wenn man immer schon an britisches oder amerikanisches Writing denkt und nicht an Musil oder Ernst Bloch, was bei einem sozusagen amerikanelnden Denker der Fall sein könnte, hatte eben dem Bloch der noch jüngere Habermas vorgeworfen, er drücke sich unangemessen aus. Nicht richtig diskursfreudig oder konsensersehnend oder etwas. Denn Bloch hatte D.H.Lawrence einen sentimentalen Penis-Dichter genannt und Ludwig Klages einen kompletten Tarzanphilosophen, womit er ja nun, je nachdem, durchaus richtig gelegen haben könnte. Habermas also meinte, so etwas zu sagen, das gehöre sich nicht. Heute ist diese Frage, ob sich etwas denn gehöre oder nicht, ob man das denn so sagen dürfe oder nicht, nun in gewisser Weise ein klein wenig unerfreulich erstickend geworden. 

Am Opitz- oder Büchner-Institut, wie das nicht heißt: musste Hegel weg

Ein zertifizierter Dichterriese passt naturgemäß besser zu Sprachkursen und etwas Kultur als sonst wer. Wir kaufen ja auch keine Laufschuhe, auf denen Hepphepp steht, sondern der Name einer griechischen Siegesgöttin oder ein deutsches Namenskürzel oder was anderes, wo wer sieht, dass das was gekostet hat und was ist. Also Goethe. Novalis? Mit der Freundin! Büchner? Hinter dem war die Polizei her. Lenz? Man verreckt doch nicht einfach so auf einem Moskauer Bürgersteig und wenn, dann kriegt man naturgemäß kein Institut dafür. 

Goethe, das Institut, geht mit der Zeit. Die hatten da etwa in Mailand eine Bibliothek für Deutsches, womit Literatur nicht nur, sondern auch Philosophie gemeint war. Man stelle sich vor: die hatten einen ganzen Raum für deutsche Denker von Wolff bis Theunissen, ganz für die allein. Dort hatte ich "Nice in Italia" gefunden, ein Seltenstes! Dort, in diesem Raum, traf man nicht nur deutsche Bildungsbeflissene, die sind ja eher dünn gesät, sondern italienische Philosophiestudenten und -lehrer, die die Dinge im Original lesen wollten, was ja vorkommt, nur in Frankreich natürlich nicht. 

Eines Tages lagen nun, aufgestapelt in zwei Pappkisten, alle Bände der Hegel-Studien neben dem Ausleihtresen. Ein Papierzettel klebte auf einer der Kisten, auf dem stand: 1 Euro. Zweite Ware offenbar, wurden diese gelehrten Kommentare verramscht. Das ist nun etwa so, als würde der Vatikan Thomas von Aquin rausschmeißen, vielleicht für zwei Euro pro Band, weil das Original ja genügte. "Wir modernisieren", erklärte die magere Bibliothekarin, deren schwarzer Dutt hier Jahrzehnte überstanden hatte und eine sichere Zukunft zu garantieren schien. "Ach so". 

Nun hatte diese Entwicklung oder wie man das nun denken möchte damit noch kein Ende. Er hatte wohl, ganz gegen seinen Geist, schon ahndungsvoll gezittert: wenige Wochen später lag Hegel selbst im Ramschkarton. Nicht allein. Kant lag neben ihm, Fichte war da, Nietzsche, Max Weber. Nach und nach eben einfach alles, was zuvor im Denkerraum gestanden hatte. Jeweils für einen Euro. 

Sollte solche Ausflugsfreudigkeit nur den Philosophen vergönnt gewesen sein? Die Literatur!  Das alte Zeug musste raus! Wolfram und Gryphius und Storm und so etwas, was ja heute kein Mensch mehr lesen will. 

Als dann Platz war, stellte jemand dort eine Internetstation auf. Vier Computer mit Anschluss. Darüber ein Schild: Info-Point. Wenn der noch da ist, dann haben sie da jetzt auch etwas Schönes. Ein paar Bücher stehen wohl noch darum herum. Süßkind oder Feuchtgebiete, so etwas Aktuelles. 

Solch ein Mitderzeitgehen ist ja doch etwas Menschliches, Harmonisches, edel Einfältiges.





domenica 26 febbraio 2017

Das kommt später

Meine Mutter sagte dann immer: "Das ist noch nichts für dich", wenn ich Balzac oder so etwas lesen wollte, weil ich die Schulbibliothek schon aus hatte und sonst gab es nichts. So etwas hätte ich also erst später lesen sollen und da weiß man ja bekanntlich nie, ob das wohl jemals kommen wolle, dieses Später.

In der Schule stand nun auch nicht der Faust oder Arno Schmidt auf dem Programm, sondern Max Frischs Homo Faber. Der Rest käme später, hieß es. Nun dauerte die Beschäftigung mit dem tiefgründigen Werk Frischs drei bis sechs Monate. Noch zwei davon in dieser gründlichen Weise gelesen, Italiener wundern sich da ja, denn in der Oberstufe lesen sie gut und gern zwanzig oder dreißig Bücher und nicht drei, so oberflächlich sind die da, war alles erdenkliche Später aufgebraucht. 

Dann habe ich an so einem Kultur- und Sprachinstitut, welches einen Dichternamen trägt, so wie Gryphius oder van Hoddis vielleicht, die Dame kennen gelernt, welche sich um den Kontakt zu italienischen Schulen kümmern sollte, und die erklärte mir gradeaus, ich solle sie mit diesen Kulturdingen wie Nietzsche in Frieden lassen. "Diese Italiener mit ihrer Kultur!" rief sie aus: "Die sollen erstmal die Sprache lernen!" Und da haben wir es wieder, dass da etwas für wen noch nichts ist und später kommt. 


giovedì 23 febbraio 2017

Studieren

Da hat nun einer so eine britische Oh-Universität besuchen wollen. Ich habe ihm gesagt, das sei sowieso egal, wenn es vielleicht nicht gerade in Ostwestfalen ist, wo einer studiere. Eine gute Bibliothek müsse es geben, vielleicht ein paar Theater in der Stadt und Museen. Denn es gehe doch, so weit meine Vorstellung, nur darum, sich irgendwo fünf Jahre oder ein bisschen länger hinzusetzen und zu lesen, was einer später im Leben, wenn er einmal arbeitet, nur wochenend- und feierabendmäßig tun könne, und im eher seltenen Glücksfall jemanden zu treffen, mit dem über Gelesenes zu sprechen sei. 

Vielleicht werde sich gar, nach einer gelungenen Hausarbeit oder dergleichen, irgendein Kreis oder Zirkel oder Grüppchen von irgendwem öffnen, wo nämlich das zu lernen sei, was in Vorlesungen und Seminaren mit den üblichen Nichtlesern, Sozialkritikern und Hinterherbleibenden eben nicht gelernt werden könne. Doch das, habe ich gesagt, sei irgendwo zu finden oder eben nicht, das sei eben ebenfalls eine Frage des Glücks. Und jetzt kommt heraus, in dieser britischen Dingsda habe der in einem ganzen Jahr keinen Professor zu Gesicht bekommen, sondern nur Doktorierende oder sonst Unterworfene und -gebene mit wenig Erfahrung und noch weniger Kenntnissen. Viel Geld und Zeit ist da sozusagen in den Weltraum hinausgeflogen und weg.

Da habe ich, muss man das nicht zugeben? doch recht gehabt. Vielleicht kommt es bei alldem aber auf ganz anderes an. 

Das Streberfahrrad

Jede Art Mensch hat ein ihr gemäßes Beförderungsmittel. Ich fahre so ein Hollandrad, welches in eine Zug zu hieven mir eine außerordentlich übertriebene Anstrengung abverlangte, ganz zu schweigen von dem möglichen Ärger, wenn das Ding quer zu stehen käme und anderen den Ducrh- oder Ausgang versperrte.

Andere, gescheitere hingegen haben schon am allerfrühesten Morgen auf dem Bahnsteig ein kleines blitzendes Metallpaket bei Fuß, mit welchem sie ruckzuck in den Zug einsteigen oder -springen. Damit nicht genug, verwandeln sie, zwei Minuten vor Ankunft oder unmittelbar nach dem Aussteigen, mit genau vier Bewegungen, davon zwei abgemessenen Drehungen, sowie mittendrin einem scharfen "Klack Klack", das ist Männersache, so viel ist klar, ihre Metallpaketchen in niedliche Bürgersteigfahrradlein, mit denen sie, so steht es zu befürchten, dann 500 Meter weit in ein modernes Büro zuckeln. Weiter kann es kaum sein, denn das Ding, welches so aussähe wie etwas, was ich einer fünfjährigen Nichte schenken würde, blitzte es nicht gar so chromig, fährt kaum mehr als acht Kilometer pro Stunde. Zu Fuß schafft man etwa sieben.

Aber wie sie da, ausrasierte Nacken könnten etwa blond in der Morgensonne leuchten, hinwegradeln, das hat so etwas Optimiertes, vollkommen Eingerichtetes und durch und durch Wohldurchdachtes, dass einem fast neidisch zumute werden könnte.  

 

Kontaktekonferenz (Fundstück)

"Der Begriff ›Literaturkontakt‹" meine "in der Regel den Transfer zwischen zwei Nationalliteraturen". 

Annahme also: es gebe zwei Literaturen, welche, man weiß ja nicht wie, national seien, sagen wir mal, die deutsche und die italienische, eine hier und eine da, und dann träten diese beiden Dinger in Kontakt miteinander. Sie werden sich bekannt vorkommen, die beiden. Die eine hätte nämlich ohne die andere gar nicht sein können, was sie gewesen ist, Es gäbe sie gar nicht. Und es gibt diese zwei getrennten Dinger nicht, die dann in Kontakt treten könnten. Bei aller Freude an Psycho- oder IPhone-Metaphorik kann man das natürlich leicht einmal übersehen.       

"Diskutiert" würden "1) Kontaktmomente zwischen Texten unterschiedlicher Herkunft": Makkaroniroman trifft Cruccoroman, das gibt natürlich ein großes Hallo. 

"2) die literarische Darstellung von Kontaktmomenten zwischen verschiedenen Kulturräumen": Räume kontaktieren und jemand schreibt darüber. Vermutlich etwas sehr Poetisches.  

"3) Kontaktmomente zwischen Texten und ihren Vermittlern im Literaturbetrieb". Da treffen ein Buch und ein Kopf aufeinander usw. Das alles, also diese "drei Ebenen des Literaturkontakts", ja holla, warum nicht Stockwerke des Kontakts oder Schichten des Transfers? natürlich "in synchroner wie diachroner Hinsicht". 

Denn diese Kontakterei finde "bisher nur am Rande Eingang in die literaturwissenschaftliche Forschung". Na klar, rasend neu das alles.  

mercoledì 22 febbraio 2017

Abschaffen!

Versetzte ein Zauberstab oder die Macht der Liebe oder sonst eine Gewalt einen deutschen Studenten oder Magister gar in ein Museum irgendwo zwischen Stuttgart und Venedig, sagen wir, vor Giovanni Bellinis Pietà, dann würde dem vielleicht der Kinnladen herunterklappen, er selbst aber sicher nicht viel sagen als "Oh". Fügte er noch ein "spricht mich an" hinzu oder "sagt mir nichts", wäre das schon ein Überschuss an Beurteilungskraft oder Verständigungsleistung, bedeutete jedoch auch nichts weiter als nichts. 

Nach einem deutschen Gymnasium hat einer nämlich nichts zu Bildern von 1505 anzumerken, zu jüngeren Erzeugnissen europäischer Genies übrigens auch nicht, es sei denn, seine Eltern hätten ihn mit dergleichen bekannt gemacht. 

In deutschen Oberschulen kommt Kunstgeschichte nicht vor, und was da Kunst heißt, ist nicht mehr als ein anderthalbstündiges Herumgemurkse mit verschiedenen Materialien und Geräten. Voll Bangen erinnere ich mich heute noch an meine Versuche in der Technik des Linolschnitts. Kunsterziehung statt Kunstgeschichte, das kann auch lebensgefährlich sein. 

Der Untergang hat hier im Norden, wie eigentlich immer alles außer dem Steinhäuserbauen und dem Faschismus, eben früher angefangen als im Süden. Nur sollten sich Italiener keinen Täuschungen hingeben. Wenn hier wer untergeht, dann alle zusammen. Darum hat ja auch schon die dortige Kultusministerin G Unterricht in Kunstgeschichte an Tourismusschulen abgeschafft. Das ist in einem Land, in dem im Wesentlichen, von der Toskana einmal abgesehen, nichts Touristen anzieht als das meistens gute Wetter und jede Menge Kunst, auch eine Entscheidung. 

Schreib drauf, was es ist

Stell dir vor, mitten zwischen zwei grauen Straßen sei so ein grüner Rasenstreifen sichtbar nicht nur, sondern auch erklärt. Ein kleines Schild sei da hineingepflanzt, auf dem stehe "Verde pubblico", also in etwa "Staatsgrün" oder "Volkseigenes Grün". Das hätte doch so etwas Beheimelndes, weil du wüsste, dass sich da jemand Gedanken gemacht habe ums Grün und um dich. Und wenn das Grün dann, wegen Wassermangels, so viele Gedanken will man sich ja auch wieder nicht machen, eben vertrocknete und nur noch so ein tokyoter Kaiserparkgelb oder Braun zurück bliebe, stünde "Verde pubblico" immer noch da  und gäbe zu denken. So eine Beschriftung und Erklärung hat doch etwas Erbauliches. 

Wenn du heute noch ein Poster kaufen wolltest, also nicht so was mit einem Youtuber oder Disneysänger drauf, sagen wir: anerkannte Kunst, würdest du feststellen, dass jetzt, anders als früher, jeweils draufgedruckt ist, um wessen Werk es sich handle. Offenbar will sich niemand mehr so ein gemaltes Witzchen von Paul Klee ins Zimmer hängen, wenn unten nicht Klee draufsteht, und zwar in Großbuchstaben. Denn wer weiß schon von alleine, ob so was richtig Kunst sei? Stell dir so eine Ferkelei von dem Schiele im Wohnzimmer vor, wenn da nicht druntersteht, das sei aus dem Bellevue und von nem Künstler. 

Einzige Ausnahme ist bis heute Klimt. Dessen Rot- oder Grüngoldbilder, oder was es sei, putzen ganz ungemein, möchte man sagen, und das weiß noch jeder, was das sein soll.
 

Ravioli für Millionäre, Barbaren (1)

Einmal habe ich wirklich mit einer italienischen Multimillionärin gesprochen, oder etwas Ähnlichem, ich kenne die Feinheiten da nicht auseinander, die behauptete, ab und zu Österreicher zu Gast zu haben, andere Multimillionäre, nehme ich an, denn Leute wie mich laden die nicht ein. Für diese österreichischen Gäste hole sie, erklärte sie, das Tafelsilber hervor, denn wenn kein Silber auf dem Tisch läge, würden die nöckelig. 

Das Essen für solchen Besuch, vor allem aber die Ravioli oder Tortellini oder was sie als Pasta  servieren, kaufe sie im Supermarkt. Fertiges abgepacktes Zeug aus irgendeiner Fabrik. Denn die Österreicher, so die Multimillionärin, würden das sowieso nicht unterscheiden, was da auf dem Teller liege.  

Amerika is wunderbar

1977 war ich in Kalifornien und habe dort, zugegeben: allein, vermutlich alle in diesen Shopping Malls hinter dem Teeladen und dem Porzellanverkauf auffindbaren Buchhandlungen besucht und dort mein Taschengeld für Bücher von Bertrand Russell ausgegeben, was sich dann, wie ich im Nachhinein feststellte, nicht gelohnt hat. Englische Philosophen der letzten zweihundert Jahre sind, wenn mir hier einen Verdacht auszudrücken gestattet ist, nicht ausgesprochen aufregend, wenn man von Coleridge absieht, und der war eigens nach Deutschland gefahren, und von Burke oder auch von Flann O´Brien, und das waren Iren. 

Was mich damals dort verblüffte oder überraschte, war die Tatsache, dass diese Amerikaner das Philosophie-Regal nicht neben Geschichte oder Literatur aufgestellt hatten, sondern neben Religion oder, mein Entsetzen war groß, im selben Buchstand wie diese. 

Heute, viele Jahre sind inzwischen ins Land gezogen, steht in jedem der deutschen Fußgängerzonen, den Citys, wie man das nennt, ein Laden, welche den Namen einer Muse trägt. An sich ist dagegen nicht viel zu sagen. Die erfreuende Euterpe könnte helfen, Grußkarten zu verscherbeln, Melpomene ist für Sarg- oder Waffenhandel zu empfehlen und Klio könnte ja auch eine Rolle Klopapier in der Hand halten. Dass nun ausgerechnet "hihihi"-Thalia Bücher verkaufen könnte, erschiene an sich eher unwahrscheinlich. Bei Hineingehen stellen wir denn auch fest, dass sie vor allem Geschenkchen anzubieten hat, etwa das, was man einem mitbringt, wenn einer einem egal ist. Doch im ersten oder zweiten Stock gibt es tatsächlich auch Bücher. Philosophie steht da unter Umständen zwischen "Weisheit des Orients" und "Religion". 

Fragment zum Untergang

Der genaue Zeitpunkt eines Untergangs ist wohl nicht immer leicht zu bestimmen. Ich stelle mir so ein Schiff vor. Wasser dringt ein, es bekommt Schlagseite, oder das Heck geht unter und der Bug ragt in die Höhe: da ist es ja schon so gut wie weg, das Wasserfahrzeug; obwohl andererseits selbst, wenn es vollständig unter Wasser liegt, innen noch eine Luftblase den Fahrgästen vortäuschen könnte, sie lebten weiterhin in annehmbaren Zustand, zumal die Aussicht aufregender geworden ist. 

Solch ein Untergang ist eben ein lang dauernder und in Atem haltender Vorgang, und wie einer ihn sieht, hängt auch davon ab, wo er sich gerade befindet und was er sehen will. Auch der Untergang, sagen wir, eines Kontinents ginge ja in Schritten vonstatten. Unter Umständen ragt da noch längere Zeit eine Bergspitze hervor und auf der könnte einer sitzen, ein Buch in der Hand oder eine letzte Mohrrübe. 

Meine Ausgabe der Athenäums-Fragmente stammt von 1962. Ich habe sie antiquarisch erworben. Ganz wie Blütenstaub ist diese Sammlung von Geistreicheleien in der Zwischenzeit vom Buchmarkt verschwunden. Weggeweht, möchte ich sagen. Ja früher, möchte ich hinzufügen, druckten so etwas rororo oder dtv. 

Immerhin, der gute Reclam-Verlag bietet noch eine Ausgabe an, abgesehen von einem dieser Schlaumeier-Verleger, welche ohne weiteres so etwas Urheberrechtsfreies abdrucken und es, Foto drauf, weitergeben. 

Im letzten Sommer war ich in einer deutschen Hauptstadt, da gleich am Bahnhof Charlottenburg, in einer Buchhandlung, einer richtigen, und fragte nach dem Werk der Schlegels und Novalis'. 

Nicht vorrätig. Da aber offenbar der Buchhändler mein enttäuschtes Gesicht anklagenhaft aufgenommen hatte, und das könnte durchaus sein, denn so einen kleinen, dünnen, preiswerten, gelben Klassiker könnte oder sollte jemand wie er durchaus vorrätig haben, fügte er hinzu: "In meinen zwanzig Jahren als Buchhändler hat mich nie jemand danach gefragt!" Seit 1996 also. 

1962 und 1996. Irgend wann dazwischen muss der Untergang begonnen haben. 

Und wir atmen noch. 




martedì 21 febbraio 2017

Der Superlativ

Angenommen, ein Toyboy wolle seiner Sugar mummy oder seinem ebensolchen Daddy etwas mitteilen wie: "Wenn du mir nicht mehr Geld gibst, verkaufe ich mich auch anderwärts!" Dann könnte er, sofern des Deutschen mächtig, eine etwas schönere Wendung finden, wenn er nur Stellenangebote von deutschen Universitäten durchsähe. Was er vielleicht ja auch tut. Als Akademiker hat man es nicht immer leicht.

Gewisse Superlative schienen mir einmal, ich könnte nicht sagen warum, weit aus dem Osten gekommen zu sein, also mindestens China oder so etwas. Jedenfalls kamen Sätze nach folgendem Modell von östlich der Bundesgrenze: "Der Generalsekretär der Bliblablu begrüßte den Vorsitzenden der Tätterä auf das herzlichste!" Wir bekamen ja sogar Bilder von diesen herzlichsten Begrüßungen zu sehen, und diese brüderküssende Herzlichstkeit habe ich anrührend gefunden. Als das dann weg war, war ich daher ein klein wenig traurig. Doch nun ist er wieder da, der Superlativ. 

Unsere Universitäten sind, nach eigener Aussage, nicht nur Spitzen- oder Überspitzenuniversitäten. Sie sind auch forschungsstärkst, und bei diesem Welten erobernden Entdeckermuskelspiel sehen wir, wenn man das sagen darf, naturgemäß alle gern zu. Nun aber, und das könnte besagten Toyboy interessieren, habe ich einen neuen Superlativ gefunden: drittmittelstärkst. 

Unüberbietbar, süß, cool, krass, fett oder knorke finde ich nun allerdings die superlativische Selberfeier der Universität Flensburg. Diese sei, so sie selbst, die nördlichste Universität Deutschlands. Also jedenfalls schon mal nicht in Bayern.





Lesen könnte einfach sein

Warum ich ausgerechnet an diesem Nachmittag dieses Buch kaufte, weiß ich nicht. Vielleicht hat mich der Titel angezogen? "Dämonen", die von Dostojewski. Jedenfalls begann ich abends zu lesen, las die ganze Nacht durch, den nächsten Tag weiter und so, wenn ich mich recht erinnere, drei Tage lang. Meine in diesen Tagen stattfindenden Seminare und Vorlesungen zu besuchen, wäre mir nicht eingefallen. Ich hatte besseres zu tun.

So ging das natürlich öfter. Unerreicht bleibt allerdings das Vorbild des Grünen Heinrich, welcher erzählte, er sei zwei Wochen nicht aus dem Bett gekommen, da er Goethe zu lesen gehabt habe.

An der Universität sagte übrigens niemand etwas. Es war einfach normal, dass unsereins ab und zu verschwand, weil er, so die Hoffnung, etwas besseres zu tun hatte. Heute ist diese Hoffnung offenbar verflogen. Was soll einer besseres zu tun haben, als unsere Kurse zu besuchen?

Seit jenem Prozess, den wir nur verschwommen Bologna nennen, weil das, was da geschehen ist, zu schauderhaft wäre für ein menschliches Gemüt, wird allenthalben die Anwesenheitspflicht unterstrichen. Mehr als 20% darf so ein Student von heute nicht mehr fehlen. Keine Zeit zum Lesen. 


Lesen kann einfach sein und andere Aufregungen

"Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß. Es gibt keine Berge mehr, kaum einen Baum. Nichts wagt aufzustehen". Was sollte das? Müder Mut immerhin, das war schon einmal etwas. Da klopfte es an meiner Wohnungstür. 

Vor mir stand Detlef, und er war sehr aufgeregt. "In der Weserstraße brennen Barrikaden!" Ich antwortete nichts. Ich wusste ja, dass draußen tobte, was sie den Häuserkampf nannten. Da geschehen viele Dinge, da draußen. Das weiß ich schon. 

Detlef schaute mich böse an. ich nehme an, es war, weil ich nichts zu sagen wusste. Weltbewegende Dinge können einem doch auch ein klein wenig gleichgültig sein, oder nicht?

Mein Freund lief weg. Vermutlich hatte er wichtige Dinge zu erledigen, während ich zu meinem Buch zurückkehren konnte.

"Reiten, reiten, reiten. Durch den Tag ..." Ich hätte durchaus auch häuserkämpfen können. Vielleicht wäre eine bessere Wohnung für mich dabei herausgesprungen. Ich wohnte in zwei Zimmern mit Außenklo. Mein Nachbar war ein Säufer, der mir ab und zu nachschrie: "Langhaar, mach´s Scheißhaus sauber!" 

Doch hatte ich drinnen einen oder zwei oder mehr Plätze zum Lesen. 

(Wahrscheinlich war es gar nicht die Weserstraße, aber irgendwo in der Nähe, aufgeregt wie der war.)   


lunedì 20 febbraio 2017

Wollen sie jetzt auch noch Geld? Doktorieren schwer gemacht

Mein Kollege aus Wisconsin sagt, das sei normal. Seine Bewerbungen für Law Schools hätten schon vor zwanzig Jahren 100 $ each gekostet. Mehr als fünf Bewerbungen seien damals für ihn nicht drin gewesen. 

Neuerdings wollen auch italienische Universitäten erstmal cinquanta Euro sehen, bevor sie einen an ihren Auswahlverfahren teilnehmen lassen. Das heißt, wenn du nicht sicher bist, dass in der Kommission einer sitzt, der dir weiterhilft oder, wie man sagt, dich durchdrückt, dann lass es lieber. Fünfzig Euro für eine Chance von eins auf hundert, das könnte kein Pascal aufrechnen.

Was die mit dem Geld machen, steht außer Frage. Das frisst die Verwaltung. Auswahlverfahrenssekretäre mit ihren Büros und Computern. Forschung oder Lehre sehen davon nix. Wozu auch? 

In England bezahlt man übrigens ebenfalls, wenn man sich bewerben möchte. Aber die sind ja jetzt eh weg.

Das waren Zeiten. Die kleine Matrikel

Vor langer Zeit, erzählte man sich zu meiner Studienzeit, was nun wiederum länger her ist, hatten die ostelbischen Großgrundbesitzer unter anderem der Tatsache Rechnung zu tragen, dass ihre Söhne unter Umständen ausgesprochen lernunlustig waren, auf der anderen Seite, das gehörte sich so bei gehobenen Familien, aber an einer Universität in der Hauptstadt studieren sollten. Wenigstens ein bisschen.

Das preußische Ministerium hat sich da offenbar verständnisvoll erwiesen und eigens für diese jungen Herren etwas mit dem Namen Kleine Matrikel eingeführt. Drei Semester durfte man auch ohne Abitur studieren. 

So kam es, dass nicht nur verschiedene Kandidaten für das merkwürdigerweise so genannte Begabtenabitur, sondern auch ich, der bis Dezember auf sein Nichtschülerreifeprüfungszeignis warten musste, gewissermaßen vorzeitig Seminare und Vorlesungen besuchen durften, die nach Einreichung des Abiturs angerechnet werden würden. Meine Matrikelnummer war KL2331. Besonders viele können wir also nicht gewesen sein. 

Diese Institution hat das Ende Ostelbiens und Wiederaufrüstung überstanden. Man hat wohl einfach vergessen, dass sie da war. Doch dann trat im Akademischen Senat unserer Hochschule ein Professor auf und forderte, solch ein Unding müsse abgeschafft werden. Nun ist sie weg.   




domenica 19 febbraio 2017

Programmatisches

Außer Dante würde ich für die Südsee-Schule meiner Träume Kurse vorschlagen wie "Kleine literarische Werke", wo wir Robert Walser lesen und die Kunst erlernen könnten, eine wunderschöne runde Null zu sein. 

Auch "Kleine Denker" fände ich hübsch. Gibt es da nicht eine Menge von Leuten, die das Denken irgendwie ausgeübt und in Bewegung gebracht haben, auch wenn sie dann unbemerkt verschwunden sind? 

Es könnte ja eine nette Übung sein, ein wenig mit Hotho ins Geistergespräch zu kommen oder mit Fries, dem Erfinder des Wertbegriffs, mit dem seit hundert Jahren Soziologen und ähnliche Geschöpfe des Herrn spazieren gehen. Dieses akademische Suchen heute nach Großen, das scheint mir doch unter Umständen recht unbekömmlich. 

Am Ende sehen und leben wir die Geschichte des Denkens und Schreibens wie ein Netz von Autobahnen, wo alle zu schnell fahren und dann wird uns schlecht.


sabato 18 febbraio 2017

Eine seltsame Akademie

Wir brauchen keine Zufallsfunktion auf Google, um Jottwehdeh zu landen und eigenartige Dinge zu Gesicht zu bekommen. 

Ein Südseekönig, dessen Schwärze hier nicht zur Rede steht, hat kürzlich die Gründungserklärung einer deutschsprachigen Akademie unterzeichnet. An dieser, wie es da heißt, Schule solle Deutsch gesprochen und geschrieben werden, und zwar, das ist der erste Artikel, keinesfalls besser als anderswo, sondern nur, das ist Artikel zwei, "in aller Ruhe". 

Um Aufnahme könne sich bewerben, wer ein "Abitur oder etwas Ähnliches" in der Hand habe. Die Schule dauere drei Jahre, man könne sie aber auch zwei- oder dreimal machen, so wie ja auch mein ältester Deutschschüler, ein 94jähriger Journalist namens Giuseppe, zum dritten Mal die Kurse Deutsch 1, 2 und 3 besuchte, was sicher seinen Sinn hatte, oder nicht? Es war ja nicht A1, B1, C1. Überhaupt ist ja die Wiederholung (übrigens auch, wenn sie nicht möglich ist, siehe Kierkegaard) eine menschlich an- und aufheiternde Angelegenheit. Mein Freund Andrea etwa erklärte, nach seiner Lektüre befragt, ja auch, er lese immer dasselbe, immer wieder, nämlich Dante und Ariosto. So viel zum Mehrmalsmachen. Natürlich entgehen ihm dann Dinge. Das gebe ich zu. 

Was nun auf der neuen Schule zu lernen sei, wird nicht recht erklärt. Das Schriftstück kommt aus der Südsee und da kennt man offenbar keine Learning outcomes. Evaluationen übrigens auch nicht: wenn einer etwas zu meckern habe, solle er aufstehen und das tun. Das ist aber schon Artikel 6. 

"Die Schüler lesen". Artikel 4: "Die Schüler schreiben". 
Und dann: "Schüler und Lehrer sprechen über Geschriebenes und Gelesenes". 

Artikel 7: "Das ist alles". 

Stellenausschreibungen? noch nicht verfügbar. Es heißt bislang nur, Lehrer sollten viel gelesen haben und darüber sprechen und schreiben, können und wollen. 


venerdì 17 febbraio 2017

Italiens Punk: Musik zum Untergang: The Zen Circus


Biographische Vorbemerkung
1988 war ein besonderes Jahr. Ich verließ eine Freundin, die mich krank machte und eine Stadt, die mich zu ersticken schien. Doch erst hatte ich noch eine neue LP gekauft, nachdem ich an der Kottbusser Brücke ein schwarzes T-Shirt gesehen hatte. Darauf war ein Motto der „Toten Hosen“ zu lesen, welches mir inspirierend erschien. Funpunk hatte ich noch nie gehört, und die Mischung aus Ironie und Aufstand, den die deutsche Band, nach den Ramones, vertrat, traf den Punkt.

Besonders ein Lied hatte es mir angetan: „Sie warten nur auf dich“. Darin geht es um einen Jungen, der regelmäßig Prügel bekommt. Das erinnerte mich an meine eigene frühe Jugend und an die verschiedenen Umwege, die ich mit zehn oder zwölf in unserem Dorf zu gehen hatte, um gewissen Menschen nicht zu begegnen. Lieblingsanrede dieser war: „Ej, watt guckste so läppsch?“ (Hochdeutsch: „Sie haben mich fixiert“).

Als ich etwa im Jahre 2010 im Spiegel die alarmierende Meldung las, dass Psychologinnen herausgefunden hätten, es gebe seit zwei oder drei Jahren auch in deutschen Grundschulen Mobbing, und das sei doch Besorgnis erregend, wäre ich fast vom Stuhl gefallen. Wo waren die wohl zur Schule gegangen? Hatten sie nie zwei Jungs sich gleich vor dem Schulgebäude auf der Straße blutig schlagen sehen? Eine fremde Welt, die der wissenschaftlichen Neuheiten.

Das Lied führte nun zügig aus der Vergangenheit in die Zukunft. „Sie warten nur auf dich / mit einem Lächeln im Gesicht / wollen sie dich“. War da nicht von einem zukünftigen Leben in deutschen Fakultätsbüros die Rede?

Ich war dann auch schnell weg.

Unterwegs im Süden: Punk in Italien
In Italien angelangt, betrat ich bald einen Plattenladen und fragte nach italienischem Punk. Der junge Verkäufer starrte mich an. Nein, gebe es nicht. Das war zwar nicht richtig, denn immerhin hatten die sehr junge Jo Squillo (Violentami sul metro!) und die Gruppe Kandeggina (etwa „Bleiche“ oder „Domestos“) so etwas gesungen. Doch was tut es, ich erwarb die neue Kassette von Zucchero (Oro, incenso e birra: „Gold, Weihrauch und Bier“, die Gaben der drei Könige eben), und das war ja auch nicht übel. Schon wegen der kräftigen Stimme, wegen des Rhythmus´ und, nun ja: voglio vederti ballare / senza tabù/ il ballo di strappamutande: also den „Tanz der zerrissenen Unterhosen“ oder den „unterhosenzerreißenden Tanz“, je nachdem. Das war wiederum ein freier Ton, wie auf dem T-Shirt der „Toten Hosen“ im Jahr zuvor. Hat all dies Schreiben und Singen nicht etwas mit Freiheit zu tun? Damit, dass einer die Augen aufmacht und sich selbst fühlt und sagt, was er sieht und was er ist – oder sein könnte.

Eine literarische Tradition führt von Lukian über Catullus bis zum großen Pietro Aretino, weiter über Carlo Dossis Desinenza in a bis ins letzte Jahrhundert, sagen wir, bis Fassbinder? In der Volksmusik ist derselbe Impuls wie das allerkindlichste Glück am Kacke Sagen (im ICE stand einmal ein Kind vor mir und wiederholte immer wieder „Frankfurz“ und lachte und lachte) bis zu Nanni Svampas Mailänder Liedern wirksam. O che gioia che piacere che cuccagna, cagar in campagna: „Oh was ne Freude, welch Genuss, watten Spass, auf dem Lande zu scheißen“; oder: Porta romana bella/ ci stanno le ragazze che te la danno: „Schöne Porta Romana/ da stehen Mädel, die machen die Beine breit“. Das heißt doch auch: wir sehen nicht weg. Geil, erschreckt, mitleidig, verliebt sehen wir hin. So wie Fabrizio de André in Via dei campi: „an der Felderstraße, da steht ne Nutte/ Augen so grün wie Blätter/ wenn du Lust bekommst, sie zu lieben / nimm sie einfach an der Hand“. Warum? Vielleicht ist es das: dai diamanti non nasce niente dal letame nascono i fior? „Aus Diamanten wächst nichts, aus dem Mist wachsen die Blumen“.

In diese Richtung scheint es ja Gott sei Dank zu gehen, wenn da seit fast zehn Jahren mit erstaunlicher Beherrschung der Instrumente und der Genres die italienische Punkband The Zen Circus aus Pisa nette Dinge singt wie: „Geht alle in den Arsch“ (Andate tutti affanculo, mit einem lalala-Refrain) oder „Meine Mutter ist komisch, sie nennt mich immer Hurensohn“ (Figlio di puttana). Da singt es entnervt gegen die Heimatstadt (Pisa merda) und gegen Jesus gleichermaßen, welcher mit seiner Güte die Welt zur Hölle gemacht habe (e il bene ha fatto della terra questo inferno), ja Nietzsche haben die wohl gelesen. Schon der Titel zeigt das: L'amorale, ein nettes Spiel ist zwischen la morale und l'amorale.

Contro la natura singen sie, quella che davvero fa paura: die, die wirklich Angst macht, die, wo die Kornmuhme wohnt. So etwas fällt nur jemandem ein, der selbst auf dem Land aufgewachsen ist oder doch wenigstens in einem Städtchen, welches ci accosta al letame/ / tu fuggi quanto vuoi ma l’odore ti rimane: „sie setzt uns neben den Mist / so weit du auch läufst, den Gestank wirst du nicht los“. Hinsehen, riechen, hören, fühlen, vielleicht denken: das singen. Dabei nicht ernst werden. „Was willst du denn mal werden?“ fragt die Lehrerin den Erstklässler: „Banker, Anwalt oder Journalist? Nein, nein, ich werd´Terrorist! Der ändert auch Gesetze und kommt in die Zeitung.“ (Terrorista) Meisterstück in dieser Hinsicht auch das Video zu Milanesi al mare

mercoledì 15 febbraio 2017

otto: ogottogott

Peinliche Witze könnten ja recht eigentlich etwas berührend Schönes und Zärtliches sein. Peinlichkeit ist so ein Zusammenheitsgefühl, wie wir sie ja auch lieb haben könnten. Wenn nun aber ein Streber einen peinlichen Witz macht, dann tut er das nicht von selber, sondern er nimmt ihn von außen auf. 

In der Stadt, die Wissen schafft, also per definitionem schon dem Weltexzellenzzentrum des flauen Wortwitzes, soll demnächst eine "Nachwuchstagung" stattfinden. So ein verhältnismäßig kostengünstig zu veranstaltendes Jungstrebertreffen, wo abends statt eines größeren Essens etwa eine selbstfinanzierte Currywurst anliegt, braucht einen Namen. 

Die Wahl fiel auf "Fordschritt". Was aber nicht einfach nur ein geistreicher, deshalb blöder Wortwitz ist, sondern von Tucholsky stamme, wie zwischen Klammern angegeben wird. Na also ist das nicht? Ja, mindestens.  

Jean Paul überhaupt

Den Jean Paul Richter, den will in Deutschland ja keiner mehr kennen. Das war wohl schon im neunzehnten Jahrhundert so, während im Ausland immerhin noch Kierkegaard und der große Carlo Dossi in Italien seine Bücher gelesen haben. Auf Deutsch. Übersetzungen gab es nicht, was heute anders sein soll, obwohl ich das bezweifeln möchte.

Ich saß da also in der bunten Altbauwohnungsküche eines so frei zusammenlebenden Paares und sagte der kulturell aufgeschlossenen jungen Germanistin namens Karin am Tische, ich lese gerade wieder einmal Jean Paul. Es wird wohl, wieder einmal, das "Leben des vergnügten Schulmeisterleins Wutz in Auental" gewesen sein. Karin strahlte, vielleicht warf sie ganz südländisch die Arme in die Luft? 

"Ja, dieser Sartre!" rief sie aus, "immer wieder bin ich begeistert!" Ich naturgemäß weniger.  Die Frau war nun sowieso aus Bayern, oder genauer gesagt, aus Franken, was ja irgendwie einen Unterschied machen soll, der mir allerdings entgeht. 

Einige Jahre später ging ich in eine Buchhandlung und fragte nach den "Flegeljahren" von Jean Paul, weil ich die verschenken wollte. Der Laden führte den Titel der "Universitätsbuchhandlung" in einer Stadt, deren Namen mir nicht entschlüpfen wird. 

Das Buch war nicht vorrätig. Der junge schnieke Buchhändler wollte es mir bestellen. "Wie schreibt man den Namen?" wollte er erst wissen. Ich habe den Laden nie wieder betreten.

Ecco, kurz gesagt, Jean Paul, der Name ist so etwas wie ein Test. Wenn du deiner Umgebung nicht vertraust, nenne den, und du wirst sehen, dass du recht hattest. 




Jean oder Heidi?

Früher gab es beim Sprachenlernen ja zwei Methoden. 

Bei der ersten lernte man Grammatik und Wörter und las oder übersetzte dann klassische Texte aus Philosophie oder Literatur. Das konnte einer notfalls auch alleine tun. Es genügte ja eine Grammatik, ein Wörterbuch und was zum Lesen. So lernt man heute allerdings nur das, was man da etwas unfreundlich tote Sprachen nennt. Kierkegaard hat seinerzeit ja noch so Deutsch gelernt, denn er konnte zwar Jean Paul lesen, aber seinem Zimmerwirt in Berlin nach eigenem Bekunden nicht erklären, wie der Sessel oder die Lampe stehen sollten. Das war natürlich eine Tragödie. Heute kann das nicht mehr passieren. 

Die zweite bestand im Erwerb einer Sammlung von Beispielsätzen für verschiedene Lagen des täglichen oder auch Ferienlebens, ergänzt durch langsam schwierigere Bereiche angehende Unterhaltungen mit einem eigens herbeibezahlten Sprachmeister. So lernten junge Damen Französisch. In der Grammatik steht ja nicht, dass man etwas wie "s'il vous plaît" vorbringen muss, wenn man was fragt oder sonst will.

Wer heute Deutsch oder Polnisch oder etwas anderes lebendig Tuendes lernen will, hat sich der zweiten Methode zu unterziehen, welche sich nicht mehr "Konversationsunterricht" sondern "kommunikativ" nennt. Nur dafür gibt es nämlich Kurse, einen Europäischen Referenzrahmen (aus Straßburg)  und Zertifikate. Ohne ein "C1" kommt man in keine Universität mehr rein. Das alles täuscht nicht wirklich darüber hinweg, dass man jetzt, nach allgemeiner Auffassung, rein fremdsprachlich zu nichts mehr kommt, wenn man nicht einen Lehrer bezahlt und eine Schule dazu. Ach und die Prüfungszentrale fürs Zertifikat natürlich auch.

Und statt Jean Paul oder so jett lesen wir nun Interviews mit Erscheinungen wie Heidi Klumms, glaube ich (vgl. Lehrwerke wie "Menschen" oder "Sicher"), weil nur das wirklich alle wirklich interessiert. 

VEB Volk und Wissen

In meinem bundsrepublikanischen Gymnasium ging naturgemäß alles seinen ministerial geordneten Häppchengang, vor allem in Mathematik, denn die war irgendwie schwierig. Wenn ich daher mittendrin im Progamm einen Lehrer vielleicht nach den komplexen Zahlen oder sonst einer seltsamen Erfindung der Mathematiker fragte, lautete die Antwort immer: das kommt später. 

Angenommen, der junge Wessi hätte sich dann selbst auf die Suche nach Erklärungen gemacht, als es ja noch kein Internet gab, dann hätte er nichts gefunden, jedenfalls nicht sofort. Im Westen liebte man Selbstlerner nicht. Im Osten hingegen erschienen gelb und schwarz eingebundene Hefte  über alles Wissenswerte der mathematischen Welt. Die kosteten auch nicht viel. Ich war dankbar.

Heute ist überall Westen oder wie man das sagen soll. Die Selbstlerner liebt jetzt gar niemand mehr. Allenfalls findet der im Internet eine Powerpoint-Präsentation.  
   

Autodidakt

Wenn ich mir einen Holzkopf denken wollte, fiele mir immer Sartre ein. Der Mann hat an Kierkegaard alles verstanden, nur den Witz nicht. Da er daher so schön leicht zu erklären ist, findet er Eingang sogar ins deutsche Gymnasium, und zwar im Wahlpflichtbereich, wie das zu meiner Zeit hieß, Philosophie: zwei Wochenstunden bei einem Lehrer, welcher ein Philosophikum gemacht hat (dazu gibt es einen Aufsatz von Adorno und das genügt). 

Die Philosophie ist zwar in Deutschland zu Hause. Deshalb mag man sie da aber noch lange nicht. Schon Humboldt oder wer da unter, vor oder nach ihm das preußische Gymnasium (im Kulturvergleich in den "Buddenbrooks") reformiert hat, wollte sie nicht in der höheren Lehranstalt haben. Deshalb ist sie auch heute nicht da. So kommt Sartre ins Spiel.  

Unter all den Dummheiten, die dieser Mann nach der Absolvierung der französischen Oberstreberschule geschrieben hat, gibt es auch Fieses. Ganz besonders ist dies die Figur des Autodidakten in "Der Ekel". Der sei dumm, meint Sartre, denn er arbeite sich in alphabetischer Ordnung am Buchwissen empor (ja ja, das geht gegen die Enzyklopädisten, aber doch so nicht) oder entlang. Der Clou kommt gegen Ende, wenn der beflissene Selbstlerner sich sabbernd an einen Jungen heran macht und aus der Bibliothek fliegt. Na klar, wenn einer nicht in (der richtigen) Schule gesessen hat, um den Meistern zu lauschen, nimmt es ein schlimmes Ende.      



    

Nichtschüler

Dass Schulen besonders nützliche Einrichtungen seien, außer zur Vorbereitung aufs Büroleben, davon hat mich ja bis heute niemand überzeugen können. Vor allem das deutsche Gymnasium ist sicher kein besonders überzeugendes Exemplar. Ich habe ja damals das Abitur auch nicht dort, sondern als Nichtschülerreifeprüfung in Berlin abgelegt. Das war, nachdem man mich in der Schule mit Dingen wie 25%-Prozent-Klauseln belästigt hatte, ein großes Aufatmen. 

Niemand will bei so einer Prüfung etwas von dir wissen, außer dem, was du kannst und gelernt hast. Seinerzeit in acht Fächern: Du schreibst auf, was du gemacht hast, schickst das ein und wirst dich dann, wenn sie dich zulassen, am soundsovielten als derundder da vorstellen und befragt werden. In drei Wochen ist alles überstanden. 

Um so eine wunderschöne Einrichtung ausnutzen zu dürfen, musst du allerdings mindestens 19 Jahre alt sein. Weil sie natürlich Angst haben, andernfalls würden Scharen entnervter Sechzehnjähriger aus ihren Schulen weglaufen und auf diesem Wege ihr Glück suchen. 

Dass ich überhaupt davon wusste, verdanke ich meinem verehrten Lehrer Fritz Achelpöhler. Niemand hängt Wunder an die große Glocke.



domenica 12 febbraio 2017

Auch schön

Von wem der Satz ist, sage ich nicht. Ohne jemanden anzuklagen, wir schreiben ja alle viel zu viel und da kann es eben mal passieren, möchte ich mich in aller Stille darüber freuen.

Es geht um eine literarische, mehr als literarische, wenn das geht, Gattung. Ich nenne sie "Bummsti".

Bummsti, schreibt jemand in seinem Buch, "wird hier verstanden als einzeltext-, gattungs- wie diskursüberschreitedes Vertextungsprinzip, welches die Verfahren der interdiskursiven Traversion selbstreflexiv kommentiert".

Etwas sei da also vertextet worden, daher nicht, wie es beim Verdampfen vorkommt, verschwunden, sondern aus etwas (wer weiß, was?) nicht, wie beim Verkochen, matschig, sondern zum Text geworden, so wie verwebt eben, das steckt ja auch im Wort.

Solches Vertexten habe ein Prinzip, welches kommentiere. Nun tut ein Prinzip so etwas nicht. Es kommentiert nicht. Es ist das Prinzip. 

Was da so geschrieben steht, ist also Quatsch. Der Verdacht hatte eigentlich ja auch nahegelegen. 

Wenn das Ende naht

Auf dem Tisch Schnittblumen in vollem Rot und Gelb. Ob sie es fühlen, dass sie schon tot sind? Würden sie bestreiten, es zu sein?

Das Wasser steigt wohl spärlicher auch durch die erneuerte oder zerklopfte Schnittstelle. Anders und schwächer die Färbung, der Geschmack?
Doch nur langsam wird der Kopf schwächer und sinkt, während das Selbstgefühl sich trübt.



venerdì 10 febbraio 2017

Eine Schreibhilfe.

Begriffe bestimmen:  die analytische Perspektive schärfen

was Sie wollen:  
unterschiedliche Untersuchungsschwerpunkte 

verständlich oder begreiflich machen; 
kritisch rekonstruieren  

immer: stets

ist etwas Wirkliches: steht  in einem bestimmten historischen und kulturellen Kontext

Suchmethoden suchen:  Heuristiken anvisieren 

neu und anders und kritisch sein: quer zu homogenisierenden Bildern und Vorstellungen stehen 

Die Welt ändert sich. Interessant, nicht?  Es gilt, die große Bedeutung von Übergängen herauszustellen 

sagen, was sich ändert: Transformationen aufzeigen

in den Vorstellungen von Literatur, in Kultur und im Gefühlsleben:  in literarischen Poetiken, in kulturellen, kognitiven oder emotionalen Prozessen

Übersetzungen: interlinguale Transferprozesse


Büros träumen

Wo gelehrt wird oder geforscht oder beides, auch da gibt es Büros. Das ginge ja noch an. Doch Büros träumen; oder die ergonomischen Arbeitssitze tun es, wer weiß. 

Ungeordnetes vielleicht oder Wirres: wir sind exzellente Forscher, denn wir vermitteln ganz prima und Forschung ist Vermittlung; unsere Lehrer sind die besten oder auf Platz 131 in irgend einer Liste und also die besten hier im Lande; wir suchen eine/n ExzellenzhelferIn, natürlich nur den/die beste/n für uns, und er soll auch Drittmittel anschaffen gehen. 

Büros oder Bürositze träumen von sich selbst und der Institution, in der sie zu Hause sind, sie träumen vom idealen Zuwachs. Sie träumen ganz allein für sich. 

Doch Träume werden Steine, wie Produktionsstätten etwa oder Firmensitze mit Kunst drin, oder sie fallen wie solche anderen auf den Kopf. Dann sind es Universitätsträume.


martedì 7 febbraio 2017

Erkenntnis und Literatur.


Je magerer das alles wird, desto mehr Platz gibt es für alle. Neuerdings fragt es sich, welchen Erkenntnisgewinn denn Literatur verspreche und wie sie dazu komme. Kurz: wie erklär ichs meinem Physiker? Heisenberg, hauptberuflich Platoniker, hätte dazu wohl noch etwas zu sagen gehabt, aber heute? Es staunt sich. Heute auch im Fall der Science-Fiction-Literatur. Warum auch nicht. Persönlich bin ich irgendwo zwischen Lukian und Hans Dominik hängen geblieben, aber dass sich jemand mit derlei beschäftigen möchte, kann ja sein. Nur tut man das nicht einfach so, in Lesetreffen oder Gesprächsrunden über Außerirdisches, sondern man sagt eine Konferenz an, in welcher es um die "Erkenntnisqualität von fiktionaler Literatur" geht. Weil wenn was nicht wirklich ist, was steht denn dann da drin und warum soll man das lesen? Es sei, so schreibt es, "vorgeschlagen worden, Literatur als eine Art Gedankenexperiment aufzufassen", und dieser Gedanke sei "anhand konkreter literarischer Beispiele gewissermaßen ›auszutesten‹: Die ReferentInnnen werden ein literarisches Werk vorstellen und im Sinne eines Gedankenexperimentes rekonstruieren. Was wäre das Erkenntnisziel eines solchen Gedankenexperimentes?" Tja, was? Hat der "Planet der Affen" uns etwas zu sagen? Das testen wir mal aus. 

"Auf diese Weise soll erreicht werden, dass nicht nur, wie es im Bereich der Literaturphilosophie häufig der Fall ist, über Literatur, sondern tatsächlich mit Literatur philosophiert wird". Da wird einem leicht schwindelig vor rasender Neuheit. 

mercoledì 1 febbraio 2017

Dynamische Volluniversitäten

Also zunächst halten wir fest:

Die TU Bullerbü ist eine der elf Exzel­len­z­u­ni­ver­sitä­ten Deut­sch­lands. 

Elf Exzellenzen, das sind eigentlich eine ganze Menge. Wie unterscheiden wir uns? 

Als Voll­u­ni­ver­sität mit brei­tem Fächer­spek­trum zählt sie zu den for­schungs­s­tärks­ten Hoch­schu­len. 

"Als" (wieso eigentlich "als"?) "Volluniversität", im Gegensatz zu den bekannten Teiluniversitäten, bietet diese TU (!) nicht nur ein "breites Fächerspektrum" (optische Metapher: Vielfarbigkeit bis ins Verschwinden), sie ist auch? forschungsstark? forschungstärkst! (Muskelmetapher, aufgepasst!). Also nicht etwa fortschrittsschönst, nicht geistfidelst, nicht gedankentreust. Schon gar nicht lernkräftigst. Auf derlei kommt es nicht an. Das ist in so einer Stellenanzeige ein netter Wink: wir suchen nicht einfach einen Lehrer, wie die andern alle. Zudem sind uns "Austausch" und "Kooperation" wichtig, nämlich "zwi­schen den Wis­sen­schaf­ten" (also nicht etwa beim Kaffeetrinken zwischen Wissenschaftlern, nein! "zwischen den Wissenschaften": an unserer TU hier riecht es nach Gremien), und, ach, auch "mit Wirt­schaft und Gesell­schaft". Da träumt man vielleicht vom Essengehen mit der Handelskammer? Was auch immer hier gemeint sein mag ("Gesellschaft"? "und"? "Wirtschaft"? Max Weber?), es hat wohl damit zu tun, dass man sich nützlich machen will. Oder es soll nur so aussehen, denn am Ende:  

Ziel ist es, im Wett­be­werb der Uni­ver­sitä­ten auch in Zukunft Spit­zen­plätze zu bele­gen. 

Das hatten wir schon immer geahnt, dass es nicht ums Wissen gehen könne, wenn der Staat Geld für etwas anderes als Autobahnen rausgibt. Doch ist der Spitzenplatz nicht das einzige Ziel. An diesem, bekundet die TU, und

am Erfolg beim Trans­fer von Grund­la­gen­wis­sen und For­schung­s­er­geb­nis­sen mes­sen wir unsere Leis­tun­gen in Lehre, Stu­dium, For­schung und Wei­ter­bil­dung

Mehr so eine Vermittlereinrichtung, diese TU? War nicht zuvor von Forschung die Rede gewesen? Am "Erfolg beim Transfer" "messen wir unsere Leistungen in" der "Forschung"? 

Das ist nämlich so: "Wis­sen schafft Brü­cken". Optimismus kann ja nicht schaden. Und das nicht wie hier bei meinem Metzger gegenüber, der seit 1967 da ist, sondern "seit 1828". 

Nasenbären, die so etwas schreiben, gibt es natürlich an jeder Universität. Sie werden dafür bezahlt und haben in der Regel eine Lebensstellung. Und das an jeder Universität. So kommt es, dass auch anderwärts ein Ausschreibungstext mit einem selbstschulterklopfendem Aussagesatz beginnt.

Die Fluss-Universität Takkatukka (FUT) ist eine der führenden Forschungsuniversitäten in Deutschland. 

Was mag nun das Gegenteil von "Forschungsuniversität" sein? Lehranstalt? Nennen wir es Schule. Hier hingegen geht es zu wie in München. Aber schon schießt wieder ein "als" ins Feld: "als reformorientierte Campusuniversität". Klingt eher norddeutsch, oder? Relevanzfrage, Mitbestimmung, Studentengenörgel, Sekretärsrechte! Und doch, unsere Universität "vereint" "in einzigartiger Weise die gesamte Spannbreite der großen Wissenschaftsbereiche an einem Ort." Was nun die Spannbreite von Bereichen sein solle? Mysterium tremendum. Aber so viel scheint klar: Die kleinen bleiben draußen. Das ist aber nicht so schlimm, denn an der FUT tobt "das dynamische Miteinander von Fächern" nicht nur, sondern gar von "Fächerkulturen". Das Ganze bewegt sich. Es lebt. Es gab da mal eine Reklame für Joghurt. Aus der Tiefe des Kühlregals kam eine Stimme. Bakterienkulturen.

So ein dynamisches Miteinander ist vermutlich nett. Nur kann es nichts mit Wissenschaft zu tun haben. Die ist nicht dynamisch.